Deutschlands erster Blinden-Waldwanderpfad

Auf diesem circa zwei Kilometer langen Rundweg durch den Harleshäuser Habichtswald gibt es sieben Bänke unterschiedlicher Qualität, uralte Hutebäume (Hainbuchen und Eichen), eine Schutzhütte und eine Unterführung zum Unterstellen bei Regen, einige Pferde, eine Hühnerschar, den Geilebach mit zwei kleinen Holzbrücken darüber und einen natürlichen Wasserspielplatz, ideal für Kinder und Hunde. Aufgrund der Nähe zum Wohngebiet ist der Pfad bei vielen Spaziergängern sehr beliebt. Er befindet sich circa 200 Meter nördlich des Parkplatzes „Bergfreiheit“ am Ende der Ahnatalstraße und östlich des Erlenlochs. Man erreicht ihn auch zu Fuß über das Ende des Buchenwegs oder über den Spazierweg, der am Ende der Straße Am Hilgenberg beginnt und unter der Rasenallee hindurchführt. Der komplette Rundweg ist auch als Wanderweg Nr. 29 ausgewiesen und für Sehende entsprechend beschildert und markiert.

Als blinder Mensch kann man auf diesem Waldweg spazieren gehen, indem man den Blindenstock über das Holzgeländer gleiten lässt. Auf diese Weise kann man dem Weg sicher und entspannt folgen und alleine und unabhängig die Waldatmosphäre genießen. Schlammlöcher, Herbstlaub, Schnee und auch die von Wildschweinen auf den Pfad geschobenen Erdhaufen verursachen keine Orientierungsprobleme. Außerdem bekommt man mit, wo abzweigende Wege und Sitzbänke sind. Das Geländer ist aber auch für Menschen mit Sehbehinderung, geschwächter Konstitution, beginnender Demenz und anderen Orientierungsschwierigkeiten hilfreich. Es ermöglicht vielen, den Wald angstfrei erleben zu können.

ÖPNV-Anbindung

Die beste Möglichkeit für blinde und sehbehinderte Besucher, aber auch für alle anderen, mit dem ÖPNV zum Blindenpfad im Habichtswald zu kommen, ist die Bushaltestelle in der Ahnatalstraße Ecke Klinikstraße. Direkt dort gibt es auch eine Fußgängerampel mit Signalton. Eine Wegbeschreibung, mit der man auch als Blinder Mensch etwas anfangen kann, ist gerade in Arbeit, ein Podcast mit einer beschreibenden Live-Begehung ist angedacht. Hier schon mal ein Anfang:

Direkt nach dem Aussteigen aus dem Bus beginnt der entspannende Teil der Anreise. Ein circa zehnminütiger Fußmarsch, zuerst auf einem asphaltierten Weg über eine Wiese, danach auf Bürgersteigen durch ein idyllisch ruhiges Wohngebiet. Insgesamt muss man nur einmal abbiegen und befindet sich dann schon am Rand des Waldes. Dort führt ein Wanderweg entlang des Geilebachs direkt unter der Rasenallee hindurch, wo der Blindenpfad beginnt. Ab hier gibt es ein Holzgeländer als Orientierungshilfe, mit dem man sich mittels seines weißen Langstocks sicher durch den Wald geleiten lassen kann. Momentan fehlt davon aber leider ein großer Teil.

Den Weg zum Blinden-Waldwanderpfad und die Benutzung der hölzernen Orientierungshilfe kann man übrigens auch mit einer Kasseler Mobilitätstrainerin einüben.

Geschichte

Der Blinden-Waldwanderpfad wurde 1973 vom damaligen Leiter des Forstamts Kassel-Wilhelmshöhe, dem 2016 verstorbenen Claus Eichel, Bruder des Politikers Hans Eichel, auf Anregung von Förster Herbert Bachmann initiiert. Claus Eichel engagierte sich später auch bundesweit für barrierefreie Wanderwege. Unter anderem dafür wurde ihm 1998 das Bundesverdienstkreuz verliehen. 2017 wurde einer seiner barrierefreien Wanderwege in Kassels Partnerstadt Arnstadt nach ihm benannt. Eigentlich müsste man auch in Kassel an ihn erinnern, beispielsweise indem man dem Blindenpfad nach ihm benennt. Schließlich war dieser Pfad Claus Eichels allererster Wanderweg für behinderte Menschen und der Erste seiner Art in ganz Deutschland überhaupt! Heutzutage ist Barrierefreiheit ein wichtiges Thema, damals war es das noch nicht. Kassel kann stolz auf seine Vorbildfunktion sein.

Er war der Erste seiner Art – jetzt soll er sterben

Am 20.07.2020 wurde plötzlich und ohne Ankündigung ein Teil des voll funktionsfähigen Geländers abgebaut. Auf Nachfrage sagte der Geschäftsführer des Naturparks, Jürgen Depenbrock, dass auch der Rest der Orientierungshilfe bald entfernt würde. Der Komplettabbau wird mit der Verkehrssicherungspflicht und dem Risiko aufgrund der aktuellen, trockenheitsbedingten Waldschäden begründet. Es gibt jedoch Widerstand! Im nachfolgend verlinkten Artikel geht es um eine Petition, abgelehnte Unterstützung, Verhinderung von Engagement, vorgeschobene Verkehrssicherungspflicht, Diskriminierung und Unverhältnismäßigkeit. Dort finden sich auch Updates zu neuen Entwicklungen (Petition, Reaktionen, Medienberichterstattung, etc.). Bitte lesen!

Drohendes Aus für Deutschlands ersten Blinden-Waldwanderpfad

Kommentar von Per Busch

Seit 2001 habe ich mich als freiwilliger „Wegewart“ um diesen Rundweg gekümmert. Ich habe kaputte Teile des Geländers stets so hingelegt, dass sie keine Gefahr darstellten und auch am Boden noch als Leitlinie dienen konnten. Dem Förster habe ich die über den Weg gestürzten Bäume gemeldet und große Äste, überhängende Zweige und Matschlöcher selbst beseitigt. Es trifft mich hart, dass der Blindenpfad jetzt sterben soll.

Nachdem ich 1993 erblindete, war mein größter Traum, mich wieder alleine und unabhängig in der Natur bewegen zu können. Wenn ich nicht seit 2001 täglich mit Hilfe des Geländers auf dem Blindenpfad durch den Wald gegangen wäre, hätte ich diesen Wunsch vielleicht einfach vergessen. So aber wuchs meine Liebe für den Wald und die langen Spaziergänge darin beständig. Ich war immer etwas neidisch auf die sehenden Spaziergänger, die überall frei umherlaufen konnten und nicht wie ich auf den Blindenweg beschränkt waren. Das hat in mir den Wunsch verstärkt, mich genauso frei im ganzen Wald bewegen zu können. 2011 wurde mein Traum dann wahr. Das hat meine Lebensqualität enorm verbessert!

Wie hier beschrieben, kann ich heutzutage durch den ganzen Harleshäuser Habichtswald wandern. Ich kenne dort alle Wege und Pfade, mindestens 30 Kilometer insgesamt, und kann mich meist ziemlich gut mit dem Blindenstock und einer App auf meinem iPhone orientieren. Ich fühle mich unabhängig, begegne anderen Menschen auf gleicher Augenhöhe und vergesse oft, dass ich blind bin. Viele meiner heutigen Aktivitäten wären ohne den Blinden-Waldwanderpfad nicht denkbar, auch nicht die Harleswald-Website.

Für mich ist dieser Weg das Tor zum Wald! Das Leitsystem sollte erhalten bleiben, auch für andere orientierungsbenachteiligte Menschen.

Der überwiegende Teil des Wegs wird für mich ohne die Orientierungshilfe künftig aufgrund von Herbstlaub, Matsch, Schnee oder Eis an vielen Tagen nicht mehr begehbar sein, und dass, obwohl ich mich auf vielen anderen Waldwegen ansonsten gut orientieren kann. Ich werde bei entsprechend schlechten Bedingungen auch nicht mehr in der Lage sein, die von mir 2012 gesponserte Bank am Geilebach aufzusuchen. Ich werde aber trotzdem weiterhin versuchen, diesen direkt am Waldrand gelegenen Weg zu gehen, so wie ich es die letzten 20 Jahre gemacht habe, auch wenn es ohne die Orientierungshilfe nun wesentlich schwieriger und auch gefährlicher ist. Mir bleibt gar keine andere Wahl, wenn ich auch weiterhin in den Wald will.

Wem nützt das Geländer?

  • Die Orientierungshilfe ermöglicht es vielen, Wald und Natur angstfrei erleben zu können.
  • Blinde Menschen können ihren Blindenstock über das Geländer gleiten lassen und so sicher und entspannt ihren Weg finden.
  • Sehbehinderte bzw. sehr schlecht sehende Menschen können sich mit ihrem Sehrest am Geländer als optischer Leitlinie orientieren und durch fehlende Stücke leichter die abzweigenden Wege bemerken, auch bei für sie ungünstigen Lichtverhältnissen.
  • Menschen mit schlechtem Orientierungssinn oder beginnender Demenzerkrankung bekommen die Sicherheit, sich nicht so einfach verirren zu können und wieder aus dem Wald herauszufinden. „Ich gehe immer den Blindenweg, weil ich mich dort nicht verlaufen kann“ ist eine erstaunlich häufige Aussage.
  • Ältere oder geschwächte Menschen können sich jederzeit am Geländer anlehnen, sich darauf abstützen oder setzen, wenn ihre Kraft nachlässt.
  • Im Winter dient der Handlauf allen Spaziergängern an vereisten Stellen als Haltemöglichkeit.

Artikel in der HNA

Abbau des Blindenpfads wird zum Streitfall

8.9.2020
Die Naturparkverwaltung, der Grüne Stadtbaurat Christof Nolda und Christine Hesse von der Grünen Rathausfraktion weisen die Kritik am Abbau des Blindenpfads zurück. Ein Betroffener lässt die umstrittene Haftungsfrage und tatsächlich geltende Verkehrssicherungspflicht mittels einer Petition an den Landtag klären, Kasseler Parteien und Beiräte üben Kritik. „Ich finde es schade, dass der Blindenpfad jetzt anscheinend für einen verfrühten Wahlkampf benutzt wird“, meint Per Busch. „Dafür eigne sich die Angelegenheit nicht. Und das habe sie auch nicht verdient.“
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Naturpark Habichtswald baut überraschend Blindenpfad ab

30.07.2020 – Überraschendes Aus für den Kasseler Blindenpfad

Der Naturpark Habichtswald baut bereits das Geländer ab. Die Entscheidung stößt bei Nutzern des Weges in Harleshausen auf Kritik. Mit dem Abbau des Geländers, an dem sich Blinde per Stock auf dem Waldweg orientieren können, ist vergangene Woche begonnen worden. Für die Entscheidung führt Naturpark-Geschäftsführer Jürgen Depenbrock unter anderem die zunehmenden Schäden und Gefahren im Wald sowie die dadurch drohenden Verkehrssicherungspflichten an. Nutzer des Blindenpfads, allen voran der Harleshäuser Per Busch, kritisieren das plötzlich beschlossene Aus.
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Zerstörungswut gefährdet Erhalt von Kasseler Blindenpfad

19.05.2017 – „Der aktuelle Vandalismus ist eine völlig neue Dimension“

Der 1974 eröffnete Kasseler Blindenpfad galt bundesweit als Vorbild. Zunehmende Zerstörungen stellen den Erhalt jetzt allerdings in Frage. Der Naturpark Habichtswald kommt mit der Reparatur nicht nach.
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Wanderweg für Blinde

HNA, Kasseler Stadtausgabe, 17. Mai 1973

Hier darf nicht geritten und hier dürfen keine Hunde ausgeführt werden. Auch Radfahren ist verboten. Trotzdem ist der zwei Kilometer weite Rundweg Im Harleshäuser Wald nicht für eine geschlossene Gesellschaft gedacht. Ganz im Gegenteil, die Sehbehinderten, die sonst im Wohnheim an der Eschebergstraße leben, sollen auf dem ersten Blindenwanderweg in Hessen nicht alleiniges Spaziergehrecht genießen, auch wenn der Weg extra für sie beschildert und gesichert wurde.

Leitbarrieren, Geländer, eine Schutzhütte, sowie Lehrpfadschilder in Blindenschrift und eine Wassertretstelle sind die Besonderheiten dieses Rundweges. Kostenpunkt: 17700 Mark. In Zusammenarbeit mit der Stadt Kassel setzten das Forstamt Wilhelmshöhe, der Zweckverband Naturpark Habichtswald, der Blindenbund sowie der Feldwegezweckverband des Großkreises Kassel die Idee, weitere Erholungsmöglichkeiten für Behinderte zu schaffen, auch für die Blinden in die Tat um. Oberforstmeister Claus Eichel: „Wir werden natürlich versuchen, möglichst alle Gefahrenquellen auszuschalten.“ Gemeint sind Regenpfützen und brüchige Baumäste, die dem blinden Spaziergänger zum Hindernis werden können.

Einen weiteren guten Beitrag leisteten das Forstamt Wilhelmshöhe, der Naturpark-Zweckverband Habichtswald und die Stadt Kassel am Geilebach in der Harleshäuser Flur. Die neue Wassertretstelle wurde jetzt fertiggestellt. Zusammen mit einer weiteren derartigen Einrichtung an der Prinzenquelle, die kürzlich ihrer Bestimmung übergeben wurde, wird damit im stadtnahen Erholungsbereich des Habichtswaldes ein weiteres reizvolles Freizeitangebot gemacht.

Blindenpfad wird ausgebaut

HNA, Kasseler Stadtausgabe, 20. März 1974

Durch Trimmgeräte, Waldsportpfadschilder in Blindenschrift und weitere Leitplanken soll der Blinden-Wanderpfad im Staatsforst Wilhelmshöhe im Mai dieses Jahres weiter ausgestattet werden. Die Kosten dafür — nach Angaben von Oberforstmeister Claus Eichel, Leiter des Forstamts Kassel, rund 5000 DM — werden zum größten Teil vom hessischen Minister für Landwirtschaft und Umwelt als Landeszuwendung an den Kasseler Blindenbund bereitgestellt.

Der 2,2 Kilometer lange Rundweg, der vom Blindenalten-wohnheim in Harleshausen ausgeht und durch den Wald in Richtung Erlenloch führt, wurde im Mai 1973 als einmalige Einrichtung in Deutschland für rund 17 000 DM eingerichtet. Der Wanderpfad für Blinde ist nach Angaben Eichels nur als ein Bestandteil des Gesamtprogramms für behinderte Menschen in Kassel zu sehen. So wurde bereits ein Teil des Weges für Körperbehinderte bei den Elfbuchen fertiggestellt. Im vorigen Jahr konnten zudem Schwerbeschädigten-Parkplätze im Naturpark Habichtswald geschaffen werden.

Wie Eichel aus Erfahrung berichten kann, wird der Blinden-Wanderpfad nicht nur von Kasselern, sondern auch von auswärtigen Gästen in starkem Maße genutzt. Als besonders positiv vermerkt er, dass hier in der Vergangenheit keine Zerstörungsaktionen vorgenommen wurden. „Man nimmt Rücksicht.“ Um die blinden Menschen auf dem Wanderpfad auch in Kontakt mit sehenden Kasselern kommen zu lassen, sollen die für Mai vorgesehenen Waldsportpfadschilder nicht nur in Blinden-, sondern auch in Klarschrift aufgestellt werden.

(Quellen zu Claus Eichel: 1 2 3 4)

** geschrieben und zusammengestellt von Per Busch, veröffentlicht im Juni 2019, seitdem mehrfach überarbeitet **