Der Blindenpfad

Auf diesem zwei Kilometer langen Rundweg durch den Wald gibt es sieben Bänke unterschiedlicher Qualität, viele uralte und besondere Bäume, eine Schutzhütte und eine Unterführung zum Unterstellen, Pferde, eine Hühnerschar, einen Waldbach, zwei kleine Holzbrücken und einen natürlichen Wasserspielplatz für Kinder und Hunde. Aufgrund der Nähe zum Wohngebiet ist der Pfad bei vielen Spaziergängern sehr beliebt. Er befindet sich circa 200 Meter nördlich des Parkplatzes „Bergfreiheit“ am Ende der Ahnatalstraße und östlich des Erlenlochs. Man erreicht ihn auch zu Fuß über das Ende des Buchenwegs oder über den Spazierweg, der am Ende der Straße Am Hilgenberg beginnt und unter der Rasenallee hindurchführt.

Als blinder Mensch kann man auf diesem Rundweg spazieren gehen, indem man seinen Blindenstock über das Holzgeländer gleiten lässt. Auf diese Weise kann man dem Weg sicher und entspannt folgen und alleine und unabhängig die Waldatmosphäre genießen. Schlammlöcher, Herbstlaub, Schnee und auch die von Wildschweinen auf den Pfad geschobenen Erdhaufen verursachen keine Orientierungsprobleme. Außerdem bekommt man mit, wo abzweigende Wege und Sitzbänke sind. Das Geländer ist aber auch für Menschen mit Sehbehinderung, geschwächter Konstitution, beginnender Demenz und anderen Orientierungsschwierigkeiten hilfreich.

Der Blinden-Waldwanderpfad wurde 1974 vom damaligen Leiter des Forstamts Kassel-Wilhelmshöhe, dem 2016 verstorbenen Claus Eichel, Bruder des Politikers Hans Eichel, initiiert. Claus Eichel engagierte sich später auch bundesweit für barrierefreie Wanderwege. Unter anderem dafür wurde ihm 1998 das Bundesverdienstkreuz verliehen. 2017 wurde einer seiner barrierefreiern Wanderwege in Thüringen nach ihm benannt. Eigentlich müsste man ihn auch in Kassel ehren, beispielsweise indem man dem Blindenpfad nach ihm benennt. Schließlich war dieser Pfad Claus Eichels allererster Wanderweg für behinderte Menschen und der Erste seiner Art in ganz Deutschland überhaupt.

Seit 2017 befindet sich das Geländer des Blindenwegs in einem traurigen Zustand. Es wurde teilweise systematisch zerstört. Holzpfosten wurden abgebrochen oder herausgezogen und die daran befestigten Holzstangen zerbrochen. Es ist zwar normal, dass im Laufe der Zeit immer mal wieder einzelne Stellen kaputt gehen, sei es durch umstürzende Bäume oder herunterfallende Äste, normale Verwitterung oder vielleicht auch mal durch übermütige Menschen, aber diese Zerstörung war eine völlig neue Dimension.

Es gibt Befürchtungen, dass die Reparatur der Naturparkverwaltung irgendwann zu teuer werden könnte und man dann vielleicht beschließt, das Geländer einfach ganz abzubauen. Wer zum Erhalt des Blindenpfades beitragen möchte, könnte an dem Naturpark spenden. Auch ein geringer Betrag würde bereits ausdrücken, dass einem das Thema wichtig ist.

Empfänger: Zweckverband Naturpark Habichtswald
IBAN: DE64 5205 0353 0131 0077 65, BIC: HELADEF1KAS
Verwendungszweck: Spende Blindenpfad
Auf Wunsch bekommt man bei zusätzlicher Angabe der eigenen Adresse auch eine Spendenquittung zugeschickt.

Auf diesen öffentlichen Vorschlag an den Naturpark bei Facebook, für die Reparatur des Geländers Fördergelder bei der Aktion Mensch zu beantragen, hat bislang leider niemand reagiert.

Kommentar von Per Busch

Nachdem ich 1993 erblindete, war mein größter Traum, mich wieder alleine und unabhängig in der Natur bewegen zu können. Wenn ich nicht seit 2001 täglich mit Hilfe des Geländers durch den Wald gegangen wäre, hätte ich diesen Wunsch vielleicht einfach vergessen. So aber wuchs meine Liebe für den Wald und die langen Spaziergänge darin beständig.

Ich war immer etwas neidisch auf die sehenden Spaziergänger, die überall frei umherlaufen konnten und nicht wie ich auf den Blindenweg beschränkt waren. Das hat in mir den Wunsch verstärkt, mich genauso frei im ganzen Wald bewegen zu können. 2011 wurde mein Traum dann wahr. Das hat meine Lebensqualität enorm verbessert!

Heutzutage wandere ich täglich durch den ganzen Wald und kenne dort inzwischen fast alle Wege und Pfade, mindestens 30 Kilometer insgesamt, und kann mich gut mit dem Blindenstock und einer App auf meinem iPhone orientieren. Ich fühle mich unabhängig, begegne anderen Menschen auf gleicher Augenhöhe und vergesse oft, dass ich blind bin.

Für mich war der Blindenweg das Tor zum ganzen Wald. Diese Chance sollten auch andere blinde und sehbehinderte Menschen haben. Dafür müsste das Geländer aber vollständig instandgesetzt werden.

HNA

Zerstörungswut gefährdet Erhalt von Kasseler Blindenpfad

19.05.2017 „Der aktuelle Vandalismus ist eine völlig neue Dimension“

Der 1974 eröffnete Kasseler Blindenpfad galt bundesweit als Vorbild. Zunehmende Zerstörungen stellen den Erhalt jetzt allerdings in Frage. Der Naturpark Habichtswald kommt mit der Reparatur nicht nach.
Weiterlesen bei der HNA

Wanderweg für Blinde

HNA, Kasseler Stadtausgabe, 17. Mai 1973

Hier darf nicht geritten und hier dürfen keine Hunde ausgeführt werden. Auch Radfahren ist verboten. Trotzdem ist der zwei Kilometer weite Rundweg Im Harleshäuser Wald nicht für eine geschlossene Gesellschaft gedacht. Ganz im Gegenteil, die Sehbehinderten, die sonst im Wohnheim an der Eschebergstraße leben, sollen auf dem ersten Blindenwanderweg in Hessen nicht alleiniges Spaziergehrecht genießen, auch wenn der Weg extra für sie beschildert und gesichert wurde.

Leitbarrieren, Geländer, eine Schutzhütte, sowie Lehrpfadschilder in Blindenschrift und eine Wassertretstelle sind die Besonderheiten dieses Rundweges. Kostenpunkt: 17700 Mark. In Zusammenarbeit mit der Stadt Kassel setzten das Forstamt Wilhelmshöhe, der Zweckverband Naturpark Habichtswald, der Blindenbund sowie der Feldwegezweckverband des Großkreises Kassel die Idee, weitere Erholungsmöglichkeiten für Behinderte zu schaffen, auch für die Blinden in die Tat um. Oberforstmeister Claus Eichel: „Wir werden natürlich versuchen, möglichst alle Gefahrenquellen auszuschalten.“ Gemeint sind Regenpfützen und brüchige Baumäste, die dem blinden Spaziergänger zum Hindernis werden können.

Einen weiteren guten Beitrag leisteten das Forstamt Wilhelmshöhe, der Naturpark-Zweckverband Habichtswald und die Stadt Kassel am Geilebach in der Harleshäuser Flur. Die neue Wassertretstelle wurde jetzt fertiggestellt. Zusammen mit einer weiteren derartigen Einrichtung an der Prinzenquelle, die kürzlich ihrer Bestimmung übergeben wurde, wird damit im stadtnahen Erholungsbereich des Habichtswaldes ein weiteres reizvolles Freizeitangebot gemacht.

Blindenpfad wird ausgebaut

HNA, Kasseler Stadtausgabe, 20. März 1974

Durch Trimmgeräte, Waldsportpfadschilder in Blindenschrift und weitere Leitplanken soll der Blinden-wanderpfad im Staatsforst Wilhelmshöhe im Mai dieses Jahres weiter ausgestattet werden. Die Kosten dafür — nach Angaben von Oberforstmeister Claus Eichel, Leiter des Forstamts Kassel, rund 5000 DM — werden zum größten Teil vom hessischen Minister für Landwirtschaft und Umwelt als Landeszuwendung an den Kasseler Blindenbund bereitgestellt.

Der 2,2 Kilometer lange Rundweg, der vom Blindenalten-wohnheim in Harleshausen ausgeht und durch den Wald in Richtung Erlenloch führt, wurde im Mai 1973 als einmalige Einrichtung in Deutschland für rund 17 000 DM eingerichtet. Der Wanderpfad für Blinde ist nach Angaben Eichels nur als ein Bestandteil des Gesamtprogramms für behinderte Menschen in Kassel zu sehen. So wurde bereits ein Teil des Weges für Körperbehinderte bei den Elfbuchen fertiggestellt. Im vorigen Jahr konnten zudem Schwerbeschädigten-Parkplätze im Naturpark Habichtswald geschaffen werden.

Wie Eichel aus Erfahrung berichten kann, wird der Blinden-wanderpfad nicht nur von Kasselern, sondern auch von auswärtigen Gästen in starkem Maße genutzt. Als besonders positiv vermerkt er, daß hier in der Vergangenheit keine Zerstörungsaktionen vorgenommen wurden. „Man nimmt Rücksicht.“ Um die blinden Menschen auf dem Wanderpfad auch in Kontakt mit sehenden Kasselern kommen zu lassen, sollen die für Mai vorgesehenen Waldsport-pfadschilder nicht nur in Blinden-, sondern auch in Klarschrift aufgestellt werden.

Wem nützt das Geländer?

  • Blinde Menschen können ihren Blindenstock über das Geländer gleiten lassen und so sicher und entspannt ihren Weg finden.
  • Sehbehinderte bzw. sehr schlecht sehende Menschen können sich mit ihrem Sehrest am Geländer als optischer Leitlinie orientieren und durch fehlende Stücke leichter die abzweigenden Wege bemerken, auch bei für sie schlechten Lichtverhältnissen.
  • Menschen mit schlechtem Orientierungssinn oder beginnender Demenzerkrankung bekommen die Sicherheit, sich nicht so einfach verirren zu können und wieder aus dem Wald herauszufinden. „Ich gehe immer den Blindenweg, weil ich mich dort nicht verlaufen kann“ ist eine erstaunlich häufige Aussage.
  • ältere oder geschwächte Menschen können sich jederzeit am Geländer anlehnen, sich darauf abstützen oder setzen, wenn ihre Kraft nachlässt.
  • Bei vereisten Stellen nützt der Handlauf allen Spaziergängern als Absicherung.

(Quellen zu Claus Eichel: 1 2 3 4)

** geschrieben und zusammengestellt von Per Busch, veröffentlicht im Juni 2019 **