Geschichtliches von Harleshausen (W. Führer, 1941)

Wilhelm Führer verfasste die erste Chronik von Harleshausen, von der aber nur noch wenige handkopierte Exemplare existieren. Ich habe seine Aufzeichnungen digitalisieren lassen, um sie allen Interessierten zugänglich zu machen. Neben der folgenden Online-Version gibt es auch ein herunterladbares PDF mit dem 70 eingescannten Originalseiten.

Wilhelm Führer wurde am 6. Februar 1863 in der Gastwirtschaft „Zur Krone“ in Harleshausen geboren. Seit 1904 engagierte sich der Gastwirt als ehrenamtlicher Bürgermeister bis er 1907 offiziell zum hauptamtlichen Oberhaupt der Gemeinde Harleshausen gewählt wurde und es bis 1928 blieb. Später war er außerdem Mitglied des Kreistags und Abgeordneter des Landtags.

Er war in zweiter Ehe mit der Hugenottin Susanne Beau verheiratet. Das Paar hatte vier Töchter. Wilhelm Führer starb am 12. März 1946 im 83. Lebensjahr.

In seiner vierundzwanzigjährigen Amtszeit (1904 bis 1928) wurde die Umgestaltung Harleshausens vom Dorf zum modernen, naturnahen Vorort vollzogen. So wurden beispielsweise die Gartenstadt Harleshausen und Wegmanns Park mit Jungfernkopf geplant, angelegt und der Gemeinde angegliedert.

Ich habe seine Aufzeichnungen digitalisieren lassen, weil ich sie für lesenswert und überlieferungswürdig halte. Falls sich jemand an den Kosten beteiligen möchte, wäre mir das willkommen. Danke.
— Per Busch, Juni 2019

Inhaltsverzeichnis

Vorwort von Ewald Friedenreich, Weihnachten 1957
Gedicht „Auf der Bank an der Lambert“ (W. Führer)
Vorwort des Verfassers, 1941
1. Name und Entstehung des Ortes
2. An welcher Stelle ist wohl mit der Gründung von Harleshausen der Anfang gemacht worden?
3. Harleshausen in der Zeit des Klosterlebens
4. Der Dreißigjährige Krieg (1618 bis 1648)
5. Die Zeit des siebenjährigen Krieges
6. Vom Bauerndörfchen zum Vorort der Großstadt
7. Der Spitznahne der Harleshäuser „Urossen“ (Auerochsen)
8. Kirchen- und Schulangelegenheiten
9. Die Verkoppelung und die Entstehung der großen Außensiedlungen in der Gemarkung Harleshausen
10. Das Kiefernwäldchen der Stadt Kassel am Jungfernkopf
11. Die hutegerechtsame, die Loosholz- und Leseholz-Berechtigung
12. Die Zehntgeldprozesse
13. Das Gut des Kammerhernn v.d.Malsburg
14. Die landwirtschaftliche Versuchsstation Harleshausen
15. Der Kreuzstein
16. Die Rasenallee
17. Die Wolfhager-Landstraße
18. Der Geilebach und der Blaue See
19. Die Kalköfen beim Ahnatal
20. Bemerkenswerte, alte Harleshäuser Flur- und Wegebezeichnungen
21. Ein Spaziergang durch das Harleshäuser Gehege zur Firnskuppe
22. Spuren einer 4000 Jahre alten Siedlung bei Harleshausen
23. Schlusswort

Vorwort von Ewald Friedenreich, Weihnachten 1957

In großer Verehrung zu meinem Schwiegervater und um allen alten und neuen Harleshäusern in nah und fern ein Stückchen Geschichte und Heimat zu geben und zu erhalten, habe ich die „Geschichtlichen Niederschriften“ von ihm, welche in einer unendlichen Kleinarbeit und mit übergroßer Liebe zur Heimat und besonders zu Harleshausen zusammengetragen sind, vervielfältigen lassen.

Ein Stück Vergangenheit tut sich hier vor unseren Augen auf. Aus dem Dörfchen Harleshausen entwickelte sich eine große Gemeinde, die nun ein Teil der Großstadt Kassel geworden ist. Harleshausen hat nach dem Kriege ein ganz anderes Gesicht bekommen. Viele Familien sind nach Harleshausen gekommen und haben hier eine neue Heimat gefunden. Sehr viel haben die Harleshäuser ihrem Alt-Bürgermeister zu verdanken. Während seiner langen Amtszeit entstanden große, schöne Bauten, wurden Straßen neu angelegt und geplant. Durch seinen Weitblick und durch seine große Liebe zur Natur und Heimat wurde aber vor allem der Grundstein zur heutigen großen und bevorzugten Wohngegend Kassel-Harleshausen gelegt.

Vorwort des Verfassers, 1941

Am 14. Januar 1906 habe ich über „Geschichtliches von Harleshausen“ einen öffentlichen Vortrag gehalten, und die Herausgeber der damals in Kassel-Wehlheiden erscheinenden „Neuen Kasseler Zeitung“ haben die Niederschrift meines Vortrages gedruckt und als Heftchen herausgegeben. Diese Heftchen sind inzwischen vergriffen, und ich habe in den 35 Jahren, die seit ihrer Herausgabe verflossen sind, erkannt, dass einzelne in dem Heftchen enthaltene Angaben nicht ganz zutreffend sind, auch habe ich jetzt zu dem Titel „Geschichtliches von Harleshausen“ so manches zu sagen, was ich damals nicht wusste. Ich fühle mich deshalb veranlasst, eine neue verbesserte und ergänzte Auflage unter dem alten Titel niederzuschreiben.

Geschichtsforscher bin ich nicht und kann deshalb auch keine umfassende Geschichte von Harleshausen schreiben. Ich möchte nur meinen Harleshäuser Bürgern und allen, die mit unserem Ort in irgendwelcher Verbindung stehen, erzählen, was ich in meinem nun fast achtzigjährigen Leben von meinem Geburtsorte Harleshausen gelesen und erfahren habe, da ich wohl annehmen darf, das manches davon wert ist, nicht ganz in Vergessenheit zu geraten.

— Wilhelm Führer, 1941

Auf der Bank an der Lambert

Es steht an der Lambert am Waldesrand
Bei den knorrigen Eichenbäumen
Eine Bank, auf der jüngst einmal Ruhe ich fand,
Von vergangenen Zeiten zu träumen.
Mir zu Füßen liegt Altharleshausen im Tal,
Rings von neuen Gebäuden umgeben,
Die im ganzen Gelände in großer Zahl
Bis zum Walde hinauf sich erheben.
Und da drüben Kirchditmold, der uralte Ort,
In der Vorzeit, da hieß er „Dietmelle“,
Da war auf der Höhe am Lindenberg dort
Die alte Gaugerichtsstelle.
Einst hat dichter Urwald das Land hier bedeckt,
Wo die Eichen und Buchen die Wipfel
Gar mächtig haben empor gereckt,
Hier im Tal, wie da oben am Gipfel.
Doch die Dietmeller Bauern waren früh schon dabei,
Den Wald weit im Umkreis zu roden.
Sie rodeten manches Waldstückchen aus,
Bis sie her an den Geilebach kamen,
Da erbaute sich hier dann das erste Haus,
Ein Bauersmann Harold mit Namen.
Und noch andere Dietmeller bauten sich an,
Hof an Hof auf dem fruchtbaren Lande.
So entstand unser Dörfchen am Geilebach dann,
Das man Haroldshausen benannte.
Die Jahre kamen und gingen dahin
Über’s Dörfchen, vom Wald noch umgeben,
Ein tüchtiger Bauernstamm schaffte darin
Und rodete Raum sich zum Leben.
Es blieben die Menschen, die hier einst gewohnt,
Von Kriegslärm, Schrecken und Seuchen
Im Laufe der Zeiten nicht immer verschont,
Wie die Chroniken es uns bezeugen.
Harleshausen lag abseits von allem Verkehr,
Am Wald, von der Welt abgeschlossen:
Bis tausend Jahre und auch wohl noch mehr
Waren seit seiner Gründung verflossen.
Aber dann ward die Straße durchs Dorf hingelegt,
Die von Kassel nach Wolfhagen führet,
Da hat bald sich geschäftliches Leben geregt
Von dem vorher man nichts hier verspüret.
Das Dorf wurde grösser und dehnte sich aus
Bis hinaus zu den äußersten Grenzen,
Viele Neusiedelungen mit Garten beim Haus
Entstanden in wenigen Lenzen.
Und es ist nun kaum siebzig Jahre erst her,
Seit durch’s Dorf dröhnt das Wagengerassel,
Harleshausen ist nun ein Dorf nicht mehr,
Es ist jetzt ein Stadtteil von Kassel.
Ward die ganze Gemarkung mit Tälern und Höhn
Nun der Großstadt auch zugeteilet,
Ist der Wald doch so nah, und die Landschaft so schön,
Das wohl jedermann gern hier verweilet.
Von Osterbergm Daspel und Rasenallee
Und manch anderem Hohenrücken,
Von der Bergfreiheit oben beim „Blauen See“
Mag die Aussicht wohl jeden entzücken.
Oh, mögst du mein traulicher Heimatort
Auch im künftigen Zeitgeschehen
Stets blühen als treudeutscher Menschen Hort,
Mög‘ hier echt deutsche Art nie vergehen.

W. Führer

Geschichtliches von Harleshausen!

Name und Entstehung des Ortes

In einem Geschichtswerke, das Professor Arnold in Marburg im Jahre 1875 unter dem Titel „Ansiedlungen und Wanderungen deutscher Stämme“ herausgegeben hat, weist der Verfasser auf die Abschleifungen und das Verschlucken ganzer Silben bei Ortsnamen hin und sagt dann wörtlich: „Besonders merkwürdig ist in dieser Hinsicht die schon in den Stiftungsbriefen des Klosters Hasungen vom Jahre 1074 vorkommende Form Herldeshusen für Harleshausen bei Kassel. Sie kehrt in der Schreibung Harldeshusen später noch einmal wieder, aber erst 1432, während in der ganzen Zwischenzeit Heroldes- oder Haroldeshusen geschrieben wird. Ohne Zweifel hat man aber auch schon im 11. Jahrhundert Heroldes- oder Haroldeshusen gesprochen, den Vokal der Mittelsilbe aber verschluckt. War man aber einmal hierbei angelangt, so ergab sich die Weglassung des d von selbst, und damit hatte man das heutige Harleshusen, wie der Volksmund noch immer spricht.“

Danach sind also von dem ursprünglichen Namen unseres Dorfes „Haroldeshusen“ im Laufe der Jahrhunderte die Buchstaben o und d verschluckt worden. Wir brauchen uns darüber nicht zu wundern, denn auch die Hauptstadt des ehemaligen Fürstentums Waldeck hat in früheren Jahrhunderten Haroldeshusen geheißen. Von diesem Namen sind aber im Laufe der Zeit 6 Buchstaben verschluckt, so dass hier aus Haroldeshusen = Arolsen entstand. In dem erwähnten Geschichtswerke von Professor Arnold finden wir außerdem noch folgende für uns bemerkenswerte Stelle: „Die Orte, deren Namen auf -bach, -berg, dorf, -heim und -hausen endigen, sind fast ausnahmslos in der Zeit vom 5. bis 8. Jahrhundert entstanden. Die allermeisten Ortsgründungen sind im 7. und 8.Jahrhundert entstanden, und die Ortsnamen, die auf „-hausen“ endigen, gehören wohl zu den jüngsten dieser Ortsgründungen, weil nicht anzunehmen ist, das man einem Ort einen Namen mit „hausen“ gab, ehe man wirklich Häuser baute.“ Aus alledem schließen wir, dass Harleshausen wohl spätestens in 9.Jahrhundert gegründet sein wird, da es ja in der Urkunde des Klosters Hasungen vom Jahre 1074 schon als selbständiger Ort aufgeführt ist.

Fragen wir uns nun einmal, wie ist denn das Dorf Harleshausen entstanden?

Der Kasseler Schriftsteller Franz Treller sagt in seiner Erzählung „Gela“, die kurz nach der Zeit von Christi Geburt spielt, von unserem Fuldatale: „Uralter dichter Wald bedeckte die Berge und Täler seit Menschengedenken. Eiche und Buche schlangen hier friedlich ihre Äste ineinander, so gestern wie heute und seit undenklichen Zeiten.“ So war es damals, und so war es noch Jahrhunderte später, unsere ganze Gegend war Wald und nichts als Wald.

Die ersten Ansiedlungen finden wir, wie überall, so auch in unserm Talkessel, dicht am Flusse. Wulpisanger, das heutige Wolfsanger, Waldaha, das jetzige Waldau und Tweren, jetzt Niederzwehren, sind wohl die ältesten Orte in unserer Gegend. Etwas später vielleicht um das Jahr 300 n. Chr. Ist dann wohl Dietmelle, das heutige Kirchditmold entstanden. Es wurde Gerichtsort und damit Vorort des ganzen Bezirks.

In Betrachtung einer etwas späteren Zeit sagt Professor Arnold in seinem zuvor erwähnten Buche, daß zwischen den großen Feldmarken der vier genannten Orte, die damals ganz unbedeutende Villa Chasalla, das heutige Kassel, eingezwängt lag. Noch im Jahr 1200 gehörte Kassel zur Gerichtsbarkeit von Kirchditmold, erst in der Mitte des 13.Jahrhunderts wurde das anders, als Kassel Stadtrecht und ein eigenes Schöffengericht erhielt.

Der heilige Heimerad aus dem Kloster Hasungen erzählt uns, daß er im Jahre 1019 in einer Kirche zu Ditmelle gepredigt habe, und daß sich daselbst noch eine zweite Kirche befinde, die aber im Verfall sei. Kirchditmold war also schon frühzeitig ein bedeutender Ort, und wir können es uns deshalb erklären, daß von hier aus die umliegenden Orte gegründet worden sind, und zwar zunächst Rodendietmelle, dessen Name schon sagt, das es eine Zweigstelle von Dietmelle ist, und dann Waldopheshusen (Wahlershausen) und Haroldeshusen. Die Namen dieser beiden Orte sind vielleicht so zu erklären, daß zwei Männer namens Waldoph und Harold die ersten Häuser an den betreffenden Orten erbaut haben.

Da die Feldmark für das zunehmende Dietmelle zu klein wurde, rodete man von dem umliegenden Walde immer größere Stücke aus, und wenn dann die Entfernung der neugewonnen Landflächen vom Dorfe aus zu groß war, baute man auf den weitab liegenden Stücken neue Siedlungen. Es ist durchaus kein Zufall, daß die Feldmark von Kirchditmold im Osten so weit herübergreift, dass noch ein Teil unserer Eisenbahnhaltestelle nach Kirchditmold gehört, während oben, nach dem Walde zu, unsre Gemarkung bis dicht an die Prinzenquelle hinüberreicht. Kirchditmold war eben zuerst da und hatte zunächst das in der Niederung gelegene fruchtbare Land urbar gemacht; während die weiter oben liegende sogenannte Hardt (Wald) später von den Harleshäusern gerodet wurde.

An welcher Stelle ist wohl mit der Gründung von Harleshausen der Anfang gemacht worden?

Die geradlinige Fortsetzung des Weges von Kirchditmold nach Harleshausen war früher die „Höhgasse“ (jetzt Helmarshäuser Straße). Die Verbreiterung der Straße von Kirchditmold und der große Bogen mit dem sie am Uhrtürmchen in die Wolfhager Straße einmündet, sind erst bei der Erbauung der neuen Wolfhager Landstraße im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts entstanden. Vorher war sowohl der von Rothenditmold wie auch der von Kirchditmold kommende Weg – mit seiner Fortsetzung der Höhgasse – schmal und auf beiden Teilen mit hohen Hecken bewachsen. Da, wo die frühere Höhgasse als Fortsetzung des Weges von Kirchditmold in die jetzige Kronenstraße einmündet, stand früher der Gutshof des Herrn v. d. Malsburg, der im Jahre 1875 abgebrannt ist, und anschließend an diesen Hof reihte sich die Nordseite der Kronenstraße entlang, ein Bauershof an den anderen.

Da die Gründer von Harleshausen jedenfalls Bauern waren, gehen wir wohl nicht fehl, wenn wir annehmen, daß hier an der jetzigen Kronenstraße der Anfang mit der Erbauung des Ortes gemacht worden ist. Dafür spricht noch folgendes:

  1. Das Besitztum fast aller an der Nordseite der Kronenstraße gelegenen Höfe ging früher bis an den Geilebach, und es ist wohl anzunehmen, daß die ersten Ansiedler, von Kirchditmold kommend, bis zum Geilebach vordrangen, da sie das fliessende Wasser zum Tränken des Viehes und zu vielen anderen Zwecken gebrauchten.

  2. An der Kronenstraße befand sich der Dorfanger, d.h. der Platz, an dem sich unsere Vorfahren versammelten; wenn Gemeindeangelegenheiten unter Vorsitz des Greben (so hieß früher der Bürgermeister), verhandelt werden sollten. Fünf schöne Linden und ein Sandsteintisch standen auf diesem Platze an der Ecke der jetzigen Grebenstraße und Kronenstraße. Als im Jahre 1863 die Gemeinde eine neue Feuerspritze bekam, wurden die Linden abgehauen und an ihrer Stelle das kleine Spritzenhäuschen erbaut, das die Stadt Kassel nach der Eingemeindung unseres Ortes bald abreißen ließ, da es der Kronenstraße mit ihren ansehnlichen Bauernhöfen wirklich nicht zur Zierde gereichte.

  3. Zur Zeit meiner Kindheit war die Kronenstraße der einzige gepflasterte Weg in Harleshausen, und ich habe in meiner Jugend einmal eine sehr alte, vergilbte Ortskarte von Harleshausen gesehen, auf welcher außer der jetzigen Kronenstraße und ihrer nächsten Umgebung nur noch einzelne Gehöfte und Häuser verzeichnet waren. Der frühere Gutshof des Herrn von der Malsburg, jetzt Helmarshäuserstraße 14 (Aschenbrenner), war hier das einzige Gehöft, welches größeren Grundbesitz (etwa 20 Acker) beim Hofe hatte. Man könnte daraus vielleicht schließen, daß dieser Hof die erste Ansiedlung des Ortes war. Die Besitzung wird vom Geilebach durchflossen, und es ist merkwürdig, daß hier das Bachbette als Eigentum des Hofbesitzers im Kataster eingetragen wurde, was sonst in Harleshausen nirgends der Fall ist.

Harleshausen in der Zeit des Klosterlebens

Das Land, welches unsre Vorfahren gerodet und urbar gemacht hatten, gehörte ihnen nicht als freies Eigentum, sondern es war mit allerlei Gefällen und Abgaben belastet. Aus der oben erwähnten Urkunde des Klosters Hasungen vom Jahre 1074 geht hervor, daß Harleshäuser Grundstücke an dieses Kloster abgabepflichtig waren, und aus Urkunden des Klosters Weißenstein, – das an der Stelle des heutigen Wilhelmshöher Schlosses stand -, ist ersichtlich, daß im Jahre 1579 der ganze Feld- und Hufenzehnt von Harleshausen dem Kloster Weißensteing gehörte.

Da Geld in damaliger Zeit ein seltener Artikel war, wurden diese Gefälle als Naturalleistungen aufgebracht, als Zehnten, d.h. bei der Ernte musste die zehnte Garbe von allen pflichtigen Grundstücken an das Kloster abgeliefert werden, oder als Racuhhühner – das waren nicht etwa geräucherte Suppenhühner, sondern die Abgabepflicht beruhte auf den einzelnen Rauchstellen, d.h. Feuer- oder Herdstellen – oder als andere Erzeugnisse der Landwirtschaft. An der östlichen Ecke der jetzigen Grebenstraße und Kronenstraße stand noch Ende des vorigen Jahrhunderts die „Zehntscheune“. In diese wurden früher die Zehnten eingebracht. Die Besitzer des hinter der früheren Zehntscheune gelegenen Bauernhofes nennt man heute noch „Ecken-Klapps“. Der Eingang zum Hofe war früher südlich von der Zehntscheune in der Grebenstraße und der Hof lag „in der Ecke“ hinter der Zehntscheune.

Zur Ausübung der Seelsorge in den einzelnen Orten und wohl auch um die Einziehung der Zehnten und sonstigen Abgaben zu erleichtern, hatten die Klöster Niederlassungen in den Dörfern eingerichtet, und so war auch in unserem Orte an der Stelle, wo jetzt die Straße „Am Kirchhof“ von der Kronenstraße zur Grebenstraße führt, eine solche Klosterniederlassung. An der Westseite des Bibbigschen-Hauses, „Am Kirchof 7“ ist ein Stück von der Mauer der kleinen Kapelle, die hier gestanden hat, in das Haus eingebaut, und früher war auch noch ein langes Stück von der östlichen Grenzmauer der ganzen Anlage vorhanden, das sich von der Kronenstraße aus zwischen den Häusern Nr. 10 und 12 hinzog und sich bis zu dem kleinen Gängchen erstreckte, das von der Straße „Am Kirchof“ zur Grebenstraße geht. Bei Durchführung der Wasserleitung durch die Straße im Jahre 1899 wurden menschliche Knochengerippe in der Erde gefunden, es muss also, wie auch der Name sagt, hier in früheren Jahrhunderten eine eerdigungsstelle gewesen sein, In dem Buche „Hessengau“ von Landau wird erwähnt, daß es im Jahre 1264 einen „plebanus“ (katholischen Priester) zu Haroldsusen und im Jahre 1419 einen Pfarrer zu Harleßhausen gab.

Der Dreißigjährige Krieg (1618 bis 1648)

Aus der für ganz Deutschland so schrecklichen Zeit des dreißigjährigen Krieges ist uns von Harleshausen wenig Geschichtliches bekannt. Auch aus den Kirchenbuche von Kirchditmold, das mit 1624 anfängt, ist über die damaligen Verhältnisse in unserem Dorfe wenig zu erfahren. Interessant ist nur, daß die Familiennamen, welche damals von Harleshausen in das Kirchenbuch eingetragen wurden, heute noch fast alle hier vertreten sind. Es gab damals schon: Klapp, Vogel, Schweinebraten, Schuwirth, Hofmeister, Lingelbach, Müller, Wimmel, Kersten, Dippel, Marschall, Appel, Deichmann, Homburg, Reihs, Wiegand usw..

Das einzige Ereignis aus damaliger Zeit, das im Kirchenbuch steht, und wobei auch Harleshausen erwähnt wird, ist, daß am 26. Mai 1626 die bayrische Armee unsere Dörfer überfallen hat, und daß dabei 4 Mann aus Kirchditmold und Martin Landgrebe aus Harleshausen mörderisch umgebracht worden sind. Wenn nun auch über die sonstigen Leiden, die unserem Orte in diesem schrecklichen Kriege widerfahren sind, keine Aufzeichnungen vorliegen, so müssen wir doch wohl annehmen, daß auch hier sengen und brennen, rauben, morden und plündern, wie überall in Deutschland, an der Tagesordnung waren, besonders in der Zeit, wo die wilden Pappenheimschen Scharen hier durchzogen und später, als der schwedische General Bauer mit seinen Söldlingen hier hauste.

In der Geschichte des oberen Warmetales von F. Hufschmidt ist eingehend dargestellt, welche Leiden das damals schon befestigte Städtchen Zierenberg in den langen Jahren des Krieges zu erdulden hatte, und wir müssen daraus schließen, daß es auch unserem Orte nicht viel besser erging. Als Beispiel sei hier folgende Stelle der Hufschmidt’schen Geschichte angeführt:

„Am Gründonnerstag 1637 begann das Kreuz- und Marterjahr Hessens, von welchem in den Chroniken der Städte entsetzliche Nachrichten niedergeschrieben sind. Die kaiserlichen Truppen operierten gegen den schwedischen General Bauer und kamen dabei der hessischen Nordgrenze sehr nahe. Im Monat Mai stand der General Wahl mit seinen Kroaten in der Nähe der Diemel. Da auf schwedische Hilfe nicht zu rechnen war, traten Wolfhagen und Zierenberg mit Wahl in Unterhandlungen und erhielten gegen Bewilligung einer bestimmten jährlichen Kriegssteuer die Zusicherung eines ausreichenden Schutzes. Schon wenige Tage nachher aber traf von Wahl ein drohendes Schreiben ein, in welchem er die Zahlung einer doppelt so hohen Steuer verlangte. Die Städte mussten wohl oder übel nachgeben. Kaum aber waren sechs Wochen ins Land gegangen, da drang von Libenau her Wahl mit seinen Kroaten in unsere Stadt. Der Oberst Beigott fügte der Stadt und den Ländereien unersetzlichen Schaden zu und seine grausamen Kroaten verübten Schandtaten, die man nicht näher beschreiben kann. Innerhalb kurzer Zeit musste Zierenberg 9800 Thaler aufbringen und die Bürger verloren außerdem noch 66 Kühe und 120 Pferde.“

Das die Kroaten auch hier in Harleshausen ihr Wesen getrieben haben, besagt eine Geschichte aus damaliger Zeit, die ich folgendermaßen erzählen hörte:

„Der Besitzer des Bauernhofes im Hirtenweg – der abgebrannt ist und zuletzt R. Schaumburg gehörte -, kam in der Zeit, als die Kroaten hier hausten, eines Tages von Felde nach Hause. Als er den Hof betrat, hörte er im Hause schreien und Hilfe rufen und erkannte an den Stimmen, daß da drinnen ein Kroate seine Frau vergewaltigen wollte. Schnell holte er eine schwere Axt herbei, eilte in das Zimmer und erschlug den völlig überraschten Kroaten. Nun aber war guter Rat teuer, denn die Bauersleute wussten wohl, was ihnen bevorstand, wenn die Kroaten von dieser Tat etwas erfuhren. Sie schleppten den toten Kroaten in den Keller und versteckten ihn dort, so gut es ging. In der Nacht, als draußen alles dunkel und ruhig war, holten sie den Leichnam wieder hervor, steckten ihn in einen großen Sack und fuhren damit durch den Wald zur Firnskuppe. Dort warfen sie ihn in den tiefen Schacht und erreichten damit, daß die im Dorfe hausenden Kroaten nicht erfuhren, wo ihr Kamerad geblieben war.

Die Pest, oder richtig bezeichnet, die asiatische Beulenpest, die im Jahre 1153 zuerst in Deutschland aufgetreten war, und seitdem wiederholt in Kassel und Umgebung gehaust hatte, wütete zuletzt und am schlimmsten während des dreißigjährigen Krieges in den Jahren 1635 bis 1637. Nach mündlicher Überlieferung sollen damals in Harleshausen in einem Monat 18 Personen an der Pest gestorben sein, obwohl der Ort nur einige Hundert Einwohner hatte. In der Festung Kassel aber, wo so viele vor den wilden Kriegshorden Schutz suchten, und wo natürlich Überfüllung, Mangel und ungesunde Verhältnisse herschten, sollen in wenigen Monaten 1400 Menschenleben der Seuche zum Opfer gefallen sein. Ende 1637 hatte Hessen ein Viertel seiner Einwohner verloren; aber nach dem dreißigjährigem Kriege war unserem Orte, wie dem ganzen Hessenlande, eine lange Zeit friedlicher Entwicklung beschieden. Der Pfarrer Georg Heinrich Bröske zu Kirchditmold hat uns im Kirchenbuche mitgeteilt, daß in den Jahren 1704 bis 1750 in seinem Kirchspiel 930 Kinder mehr geboren worden sind, als Einwohner starben.

Die Zeit des siebenjährigen Krieges

Mit dem Ausbruch des siebenjährigen Krieges im Jahre 1756 begann für unser Hessenland eine schwere Zeit und besonders unsere Kasseler Gegend wurde von den Kriegsereignissen hart betroffen, Die Stadt Kassel, welche damals noch Festung war, wurde viermal von den Franzosen besetzt und zwar in Juli 1757, am 23, Juni 1758, am 11. Juni 1759 und am 31. Juli 1760. Zweimal wurde die von Franzosen besetzte Stadt von deutschen Truppen belagert (März 1761 und September/Oktober 1762). In der Nähe der Stadt wurden zwei große Schlachten geschlagen, die eine bei Lutterberg und Landwehrhagen am 10. Oktober 1758 und die andere bei Wilhelmstal am 24. Juni 1762. Außerdem fanden noch zahlreiche Gefechte und Scharmützel in unserer Gegend statt, wovon das Gefecht bei Sandershausen am 23. Juli 1758 das bedeutendste war. Kampf und Kriegsgeschrei war in der ganzen Zeit, besonders aber in den Jahren 1758 bis 1763 die Losung.

Eine Einquartierung löste die andere ab, bald waren es Freunde, bald Feinde, die sich hier einlogierten und natürlich alles aufzehrten. Nach den Angaben des Pfarrer Cuntze von Kirchditmold sollen von allen Truppen, die hier verkehrten, die feindlichen Franzosen noch am anständigsten gewesen sein. „Nichts als für Geld“ war der Wahlspruch, der von den französischen Offizieren ausgegeben wurde; wenn ihn die Untergebenen auch nicht befolgten; denn Cuntze erzählt uns, daß seine ganze Einnahme in den fünf Hauptkriegsjahren einmal ein Batzen, einmal ein Kreutzer und einmal ½ Gulden gewesen sei, obwohl er fast seine ganze Habe und seinen großen Viehbestand eingebüßt hatte.

Von dem selben Pfarrer erfahren wir weiter, daß von den Würtembergern, die zur Armee des Generals Soubise gehörten und bei Niederzwehren lagerten, eines Tages in August etwa 200 Mann verkleidet, mit dicken Knüppeln in den Händen in das Dorf Kirchditmold stürmten und alles, was sie an Vieh auf der Straße und in den Ställen fanden, totschlugen und mitnahmen. Der Pfarrer rief einen Würtemberger Offizier zu Hilfe, der zufällig in Dorfe anwesend war. Als dieser dem Treiben Einhalt gebot, waren bereits 80 Schweine, 60 Gänse und 45 Hühner totgeschlagen. In seiner derben Ausdrucksweise sagt Cuntze dann wörtlich weiter: „Auch den Harleshäusern haben die guten Würtemberger 300 Schweine gefressen.“ (Chronik v.H, B, & Ev.L.)

Unsere Vorfahren sind gewiss in der damaligen Zeit aus der Angst und dem Schrecken gar nicht herausgekommen, und oft mögen auch Kanonenkugeln in unser Dorf eingeschlagen sein, denn man findet noch die massiven runden Geschosse aus damaliger Zeit in der Erde. Eine solche Kugel, die bei Ausschachtungen neben dem Hause Kronenstraße 15 gefunden wurde, ist im Gasthause „Zur Krone“ an der Gastzimmerwand auf einer Konsole angebracht. Sie stammt wahrscheinlich aus der Schlacht bei Wilhelmstal (24.6.1762). Die Franzosen hatten sich nach dieser Niederlage in dieser Schlacht nach Kassel zurückgezogen und beschossen mit ihren Kanonen vom Kratzenberg und der Ochsenallee aus die nachrückenden Truppen, die unter dem Kommando des Herzogs Ferdinand von Braunschweig vom Osterberge aus das Feuer erwiderten.

Eine Harleshäuser Geschichte aus den siebenjährigen Kriege…

hat der Pfarrer Schirmer von Kirchditmold im Hessischen amtlichen Kalender von 1881 erzählt, und sie ist später auch noch in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht. Ihr Inhalt ist kurz folgender:

„Major Nikolaus von Luckner, der Stammvater des im Kriege berühmt gewordenen Schiffskommandanten Felix von Luckner, war unter Friedrich dem Großen mit der Aufstellung eines Husarenregiments betraut worden, und die Lucknerschen Husaren wurden wegen ihrer tollkühnen Streiche bald in ganz Deutschland bekannt. Im Jahre 1758 war ein Teil dieses Regiments in Harleshausen einquartiert, und als Major von Luckner eines Tages vom Waldrande am Daspel aus die vor ihn liegende Gegend mit einen Fernglase nach feindlichen Truppen absuchte, wurde er von einer feindlichen Patrouille, die sich durch den Wald herangeschlichen hatte, überrumpelt und als Gefangener mitgenommen.

Wachtmeister Runki, der treue Waffengefährte Luckners, hatte den Überfall aus der Ferne bemerkt, er sprengte mit einigen Husaren der feindlichen Patrouille nach und es gelang, den Major zu befreien; aber Wachtmeister Runki wurde bei dem Scharmützel schwer verwundet. Seine Kameraden brachten ihn in das Haus des Greben (Bürgermeisters), Asmuth Klapp, dessen Bauernhof an der Obervellmarschen Straße unter der Bezeichnung „An der Geile“ allgemein bekannt ist. Die alten Harleshäuser nennen das Haus noch heute „Altegrebenhaus“ im Gegensatz zum „Grebenhaus“ in der Kronenstraße Nr. 11. Da das Regiment weiterziehen mußte, verblieb Runki im Hause des Greben und der herbeigerufene Arzt Dr. Döring aus Kassel übernahm die Behandlung seiner Verwundung.

Runki war in Wien geboren, sein Vater war ein Italiener aus Mailand und hieß eigentlich Rongi. Die Mutter war eine Wienerin. Als Martin Runki geboren wurde, hatten seine Eltern ein Geschäft in Wien. Bei einem Einbruch in dieses Geschäft wurde der Vater von den Einbrechern getötet und die Mutter hatte sich bald darauf in ihrer großen Not mit den beiden Kindern in die Donau gestürzt. Die Mutter und ihr Töchterchen waren ertrunken, aber Martin war gerettet worden. Ein ungetreuer Vormund hatte ihn um sein Vermögen betrogen und er war als junger Mensch mittellos in die Fremde gegangen.

Viel Schweres hatte er erfahren, ehe er in das Husarenreginent von Luckner eintrat, und auch während seiner Dienstzeit in diesen Regiment hatte er schon manchen schweren Kampf erlebt, so daß er viel erzählen konnte. Das offene Wesen, die Liebenswürdigkeit und Bescheidenheit gewannen ihm alle Herzen. Auch Sabylle, das einzige Töchterlein des Greben Klapp wurde von diesen Zauber beeinflusst, und es entspann sich ein Liebesverhältnis zwischen den beiden jungen Menschen.

Pfarrer Gantze und Oberförster Böttcher von Kirchditmold kamen öfters in das Grebenhaus, um den Verwundeten zu besuchen. Im Gespräch mit diesen beiden Männern lernte Runki als Katholik die Grundsätze der evangelischen Religion kennen und eines Tages erklärte er dem Pfarrer, daß er evangelisch werden wollte. Oberförster Böttcher hatte den Wachtmeister besonders ins Herz geschlossen und auf die Fürsprache dieses Ehrenmannes hin erteilten die Eltern Sabylles ihre Einwilligung zur Heirat. Am dritten Weihnachtstag 1758 wurde die Hochzeit gefeiert. Die Trauung fand in der alten Kapelle auf dem Kirchhofe statt. Auch Major von Luckner war zu der Feier erschienen und hatte seinem treuen Waffengefährten die Beförderung zum Leutnant mitgebracht.

Der junge Ehemann, der sich nicht mehr Runki sondern Runk nannte, trat dann wieder in sein Regiment ein und kämpfte bis zum Ende des Krieges 1763 tapfer mit, er wurde beim Friedensschluß als Kapitän (Rittmeister) entlassen und übernahm mit seiner Ehefrau den Hof „An der Geile“. Runk hat hier bis zu seinem Tode im Jahre 1784 in Ruhe und Frieden gelebt und gewirkt.

Aus der Ehe sind drei Kinder hervorgegangen. Der älteste Sohn ging zum Militär, der zweite heiratete in einen Bauernhof in Wolfsanger ein und die Tochter Karoline Runk übernahm mit ihrem Ehemann Andreas Führer, dem Stammvater unserer Familie Führer, den Hof „An der Geile“. Über die Eheschließung Führer-Runk findet sich in Kirchenbuch von Kirchditmold folgender Eintrag:
„Cupoliert im Jahre 1791, Jan. d. 23. Andreas Führer, ein Steinmetz mit Jfr. Carolina – Martin Runk des H. Haubtmanns Tochter.“

Vom Bauerndörfchen zum Vorort der Großstadt

1870, zur Zeit des deutsch-französischen Krieges, war Harleshausen noch ein kleines Dorf mit rein ländlichem Verhältnissen. Die Bevölkerung bestand außer den wenigen Bauern und selbstständigen Handwerksmeistern – fast nur aus Arbeitern und Handwerksgesellen, die in Kassel beschäftigt waren. Die Landstraße Kassel Wolfhagen (jetzt Ahnatalstraße) ging an Harleshausen vorbei, ohne das Dorf zu berühren, und auch die Eisenbahn, die schon seit 1859 durch die Harleshäuser Gemarkung ging, hielt es nicht der Mühe wert, bei dem unbedeutendem Dorfe anzuhalten. Die Hausfrauen gingen an den Markttagen nach Kassel mit der Köze auf dem Rücken, um die zum Leben notwendigen Sachen einzukaufen; denn es gab hier noch keine Läden, außer zwei kleinen Kolonialwarenhandlungen. Da die hauptsächlichsten Verkaufsgegenstände dieser kleinen Handlungen Petroleum und Olei (Rüböl) waren, nannte man die tiefe Senkung „Am Wasser“, wo sich das kleine Verkaufslädchen von Homburg befand, „Das Fettloch“.

Es gab damals in Harleshausen nur drei Gastwirtschaften „Zur Krone“ in der Kronenstraße, „Zum goldenen Stern“, jetzt. Schäfer-, Wolfhager- und Obervellmarsche Straße Ecke und die sogenannte „Hahnenburg“ Ecke Wilhelmshöher Weg und Wolfhager Straße (Wilhelm). Die gesamte Schuljugend von Harleshausen (etwa 100 Kinder) wurde noch zur Zeit des Krieges 1870/1871 von einem einzigen Lehrer unterrichtet, dem alten Sandrock, der nur einen Arm hatte, da er den linken Arm infolge eines Unfalles als Knabe verloren hatte.

Den ersten Anstoß zum Anwachsen unserer Einwohnerzahl gab es, als Anfang der siebziger Jahre in unserem Nachbarorte Rothenditmold einige Industriebe triebe, wie Henschels Kesselschmiede, Wegmanns Waggonfabrik und die Jutespinnerei errichtet wurden, und als dann auch noch der Verschiebebahnhof mit den großen Eisenbahnreparaturwerkstätten in Rothenditmold dicht an der Grenze unserer Gemarkung seinen Platz fand. Ein Teil der Arbeiter und Angestellten all dieser Betriebe suchte – ländliche Verhältnisse bevorzugend – in Harleshausen Wohnung. Alljährlich entstand eine große Anzahl von Neubauten, darunter auch schon ganz ansehnliche Häuser, glücklicherweise aber keine Mietskasernen. In dem Jahren 1876 bis 1878 wurde die neue Landstraße Kassel-Wolfhagen gebaut, und da nach Fertigstellung derselben ein starker Verkehr mitten durch unseren Ort ging, entstanden an der neuen Straße Gasthäuser und Geschäftshäuser aller Art. Harleshausen bekam ein anderes Ansehn und verlor nach und nach den rein ländlichen Charakter.

Da Harleshausen nun von Jahr zu Jahr an Einwohnerzahl zunahm, bequemte sich anfangs der neunziger Jahre auch die Eisenbahn dazu, einen „Haltepunkt“ hier zu errichten. Die Sache war zunächst einmal probeweise und, um große Unkosten zu vermeiden, sehr einfach gemacht. Die Straße führte damals noch durch einen tiefen Einschnitt über die Schienen der Bahn, und oben auf der südwestlichen Ecke der hohen Böschung in dem kleinen Bahnwärterhäuschen wurden die Fahrtkarten ausgegeben. Ein Lindenbaum neben dem Wärterhäuschen mit einer Bank darunter war der Warteraum. Anfangs hielten täglich nur einige Züge hier an. Das wurde aber anders, als in Jahre 1897 die Bahnstrecke Kassel-Volkmarsen eröffnet wurde. Jetzt hielten täglich etwa 20 Züge in der Richtung nach Kassel und etwa ebenso viel in der Richtung nach Obervellmar auf unserer Haltestelle. Der Verkehr wurde immer stärker, eine kleine Wartehalle mit Fahrkartenausgabe, die an der westlichen Böschung neben den Gleisen erbaut war, genügte auch sehr bald nicht mehr und endlich 1906/1907 wurde die Bahn überbrückt und die jetzige vorbildliche Bahnhofsanlage zwischen den auseinandergezogenen Gleisen geschaffen.

Mit der Zahl der Einwohner unseres Ortes wuchs natürlich auch die Zahl der Schulkinder. In Jahre 1880 wurde unsere Volksschule von 148 Kindern besucht, 1908 waren es 450 und 1914 waren es 675 Kinder. Die Ausgaben der Gemeinde für die Schule wurden dadurch von Jahr zu Jahr bedeutend höher; während die Steuereinnahmen nicht in demselben Verhältnis anstiegen; denn es gab in Harleshausen keine Industriebetriebe und die Zugezogenen waren, wenigstens bis zum Jahre 1908, meist Arbeiter und Angestellte der Kasseler Fabrik- und Eisenbahnbetriebe, die unserer Gemeinde nicht allzu viel Steuern einbrachten.

Deshalb stellte die Gemeindeverwaltung von Harleshausen im Jahre 1908 auf Grund des damals gültigen § 52 des Preußischen Kommunalabgaben-Gesetzes in die Stadt Kassel, zu der seit 1906 auch Rothenditmold gehörte, einen eingehend begründeten Antrag auf Zahlung eines Zuschusses von 3500 Mark zu den Kosten der Volksschule der Gemeinde im Rechnungsjahr 1908/1909. Die Stadt Kassel lehnte den Antrag unter Anführung von allerlei Gegengründen ab und es kam zu einen Verwaltungsstreitverfahren, das bis zur höchsten Instanz durchgeführt wurde.

In Herbst 1911 verurteilte das Oberverwaltungsgericht zu Charlottenburg endgültig die Stadt Kassel zur Zahlung der von uns geforderten Summe und für die nach 1908 folgenden Jahre kam dann ein Vergleich zustande, auf Grund dessen die Stadt entsprechend den immer höher werdenden Schulkosten der Gemeinde von Jahr zu Jahr höhere Zuschüsse zahlen musste, so daß die Stadt im letzten Kriegsjahr 1918/1919 etwa 20 000 DM zu den Schulkosten der Gemeinde beitrug. Später wurden die Zahlungen durch die Inflation gegenstandslos, und als die Zeit der Geldentwertung vorüber war, wurde der § 52 des Kommunalabgaben-Gesetzes geändert, so daß die Industriegeneinden an die Arbeiterwohnsitzgemeinden einen Teil der Gewerbesteuer abgeben mussten. Das war für unsere Gemeinde ungünstig, weil die vielen Eisenbahnbediensteten, die hier wohnten, dabei nicht angerechnet wurden, denn die Eisenbahnverwaltung zahlte keine Gewerbesteuer.

Da die Industriebetriebe den Gemeinden, in denen sie ansässig waren, in der Zeit vor dem Weltkriege gewaltige Steuersummen einbrachten, wurde auch in unserer Gemeinde erwogen, ob es nicht möglich sei, Fabriken hierher zu bekommen und es fanden sich auch einige Fabrikbesitzer, die bereit waren, ihre Betriebe nach Harleshausen zu verlegen, weil ihnen in der Stadt der Platz zur Vergrößerung ihrer Fabrikgebäude fehlte. Sie stellten aber die Bedingung, daß zunächst einmal bei der Eisenbahnhaltestelle Harleshausen Güterverkehr eingerichtet werden müsse, so daß ganze Waggonladungen hier abgesandt oder in Empfang genommen werden könnten.

Nun verkehren aber auf der Eisenbahnstrecke Kassel-Harleshausen-Obervellmar keine Güterzüge, denn diese fahren auf einen besonderen Gleis von Verschiebebahnhof nach Obervellmar, es hätten also immer besondere Güterzüge die Wagen von Obervellmar oder von Kassel nach hier bringen müssen. Die Eisenbahnverwaltung lehnte deshalb den Antrag der Gemeindebehörde auf Einrichtung des Güterverkehrs zwar nicht direkt ab, sie stellte aber eine Gegenforderung, deren Erfüllung unsrer schon schwer belasteten Gemeinde unmöglich war. Wir sollten nämlich nicht nur den zur Erweiterung der Bahnanlage notwendigen Grund und Boden auf unsere Kosten beschaffen, sondern auch noch 200 000 Mark Baukosten aufbringen.

Heute müssen wir sagen, es ist gut, das es so gekommen ist, denn das eingemeindete Harleshausen ist seiner Lage nach zu einem Wohnviertel der Stadt Kassel bestimmt. Es wohnen in unseren früheren Gemeindegebiet jetzt schon über 6500 Menschen, und wenn die bessere Verbindung unseres Ortes mit der Stadtmitte durch Ausbau des Kasseler Straßenbahnnetzes einmal verwirklicht werden sollte, dürfte es wohl nach weiterem starken Zuzug nicht fehlen.

Unsre Gemarkung ist schön; denn der ganze westliche Teil derselben ist von den schönen Eichen- und Buchenbeständen des Habichtswaldes umrahmt und eingeschlossen und sie bietet herrliche Ausblicke über das ganze Fuldatal von der Rasenallee aus, vom Daspel und vom ganzen Höhenrücken des Osterberges. Es werden sich deshalb wohl auch in Zukunft noch viele Leute hier anbauen und schöne Gärten anlegen, und es ist nicht ausgeschlossen, daß die Bezeichnung „Gartenstadt Harleshausen“, die jetzt nur für die Ansiedlung auf dem ehemaligen Frieß’schen Gelände gilt, einmal für das ganze Harleshäuser Gebiet Anwendung findet. All die Menschen aber, die jetzt wohnen und die später, vielleicht in noch größerer Anzahl in Harleshausen ihre Heimstätte haben, werden es als eine wahre Wohltat empfinden, daß die reine Höhenluft, die man hier einatmet, nicht durch Rauch und Ruß von Fabrikschornsteinen verunreinigt wird.

Der Spitznahne der Harleshäuser „Urossen“ (Auerochsen)

In meinem Vortrag von Jahre 1906 “ Geschichtliches von Harleshausen“ habe ich gesagt, daß sich die bekannte Auerochsengeschichte zur Zeit des Landgrafen Karl (1670 – 1730) ereignet habe. Das war ein Irrtum, denn zur Zeit des Landgrafen Karl hat es keine Auerochsen mehr in Deutschland gegeben. Durch gütige Mitteilung des Herrn Volkswirt Bruno Jacob in Kassel habe ich nun folgendes über den wahren Sachverhalt der Entstehung des Harleshäuser Spitznamens erfahren:

In der Zeit als Moritz der Gelehrte über unser Hessenland regierte (1592 bis 1627) waren im Habichtswald, nahe bei Weißenstein, in einem Gehege einige Auerochsen untergebracht, welcher der Vater des Landgrafen Moritz von einen anderen Fürsten als Geschenk erhalten hatte. Die großen und starken Tiere durchbrachen öfters einmal die Einzäunung und liefen durch den Wald in das Harleshäuser Feld, wo sie allerlei Verwüstungen anrichteten. An meisten ärgerte es unsere Vorfahren, daß ihnen der dadurch erlittene Schaden trotz wiederholter Anträge und Gesuche nicht ersetzt wurde, und als eines Tages im Jahre 1604 wieder einmal die Kunde ins Dorf kam, daß ein Auerochs im Harleshäuser Felde sein Wesen treibe, bewaffneten sich alle Bauern so gut sie konnten mit Mistgabeln, Schlachtemessern und dergleichen und Zogen heimlich und still hinaus. Der Auerochs wurde umzingelt, niedergemacht und kunstgerecht zerlegt. Jeder Bauer erhielt seinen Anteil, nur Knoche, der im jetzigen Hirtenweg seinen Hof hatte, bekam nichts mehr, weil er zu spät kam und plauderte aus Ärger darüber die Sache aus.

Das allen alten Harleshäusern bekannte Spottgedicht, das dieses Ereignis besingt, lautet wie folgt:

„Ein Urochs ging spazmausen
Von Wilhelnshöh nach Harleshausen
Und als er kam ins Lückenrot
Schlugen ihn die Harleshäuser tot.
Da kam der, Klapp, der stach ihn ab,
Da kam der Beisheim, der schleifte Kopf und Füße heim,
Da kam der Hermen, der schleifte sich mit den Därmen,
Da kam der Moog und sprach, gebt mir auch was in meinen Trog,
Da kam der Klunz und sprach, gebt mir auch was in meinen Stunz,
Da kam der Hildebrandt mit seinen vier weißen Zicksen gerannt,
Da kam der Metzgerhenner und sprach, gebt mir auch was für Frau und Känner,
Da kam der Führ‘ und sprach, ich bin auch noch hier,
Da kam der Knoche, und sprach, dies Späßchen bleibt nicht ungerochen!“

Diese Spottverse sind erst lange Zeit nach der Tat entstanden, von welcher sie berichtet, denn einzelne in dem Gedicht erwähnte Bauern sind erst zur Zeit des siebenjährigen Krieges in Harleshausen seßaft geworden, und den Namen Wilhelmshöhe haben die Anlagen im Habichtswald erst im Jahre 1798 erhalten. Das Spottgedicht klingt aus mit den Worten: „Dies Späßchen bleibt nicht ungerochen“, und die Strafe war auch wirklich sehr hart.

Die Harleshäuser wurden verurteilt, einmalig 100 Kammergulden und dann fortlaufend alljährlich 15 Kammergulden Buße zu zahlen. Nach der geänderten Währung betrug die jährliche Zahlung 12 Taler 8 Albus. Diese Bußzahlung ist dann bis zum Jahre 1839, (also 235 Jahre lang), von der Gemeinde Harleshausen geleistet worden. Landgraf Moritz überwies die gesamte Bußzahlung der Harleshäuser an die Kasse der Kasseler Gelehrtenschule, der Vorgängerin des Friedrichs-Gymnasiums und in der Geschichte dieser Kasseler Gelehrtenschule, welche Carl Friedrich Weber im Jahre 1846 geschrieben hat, ist auch über die Entstehung der Harleshäuser Bußzahlungen (also die Auerochsengeschichte) ein genauer Bericht erstattet.

Dadurch sind glücklicherweise die vielen unrichtigen Angaben, welche im Laufe der langen Zeit über die Auerochsengeschichte entstanden sind, widerlegt, wie z.B. ein Artikel mit der Überschrift „Die Harleshäuser Ossenstehler“, der vor einigen Jahren in den „Kasseler Neuesten Nachrichten“ erschien. Darin wurde behauptet, die Harleshäuser hätten den Mönchen des Klosters Weißenstein einen Ochsen gestohlen und deshalb den Spitznamen „Ossenstehler“ erhalten. Der Verfasser dieses Artikels war nicht genannt, und es war auch nicht angegeben, aus welcher Quelle er diese Weisheit geschöpft hat. Jedenfalls aber war mir und den anderen alten Harleshäusern, mit denen ich die Sache besprochen habe, die Bezeichnung „Ossenstehler“ völlig neu. „Urosse“ oder auch nur „Osse“ haben die Rothenditmolder und Kirchditmolder Jungen schon vor 70 Jahren hinter mir hergerufen, wenn ich auf meinem Wege zur Kasseler Schule durch einen dieser Orte ging.

Kirchen- und Schulangelegenheiten

In früheren Jahrhunderten, als unser Hessenland noch katholisch war, gab es in Harleshausen schon eine Kapelle „am Kirchof“ und es soll im Jahre 1419 auch schon einen Pfarrer hier gegeben haben, wie schon im 3. Abschnitt dieser Niederschrift erwähnt wurde. Als aber Landgraf Philipp der Großmütige im Jahre 1526 die Reformation in Hessen eingeführt hatte, kam Harleshausen zum Kirchspiel Kirchditmold. In der Beschreibung des Kirchstaates der Hessen-Casselschen Lande von W. Ledderhose aus dem Jahre 1780 wird vom Kirchspiel Kirchditmold gesagt, das dazu die Dörfer Kirchditmold, Rothenditmold, Wehlheiden, Wahlershausen und Harleshausen gehören, und das die Toten aus dem ganzen Kirchspiel in Kirchditmold bei der Kirche begraben wurden.

Von Harleshausen wurden die Toten zunächst bis an die Grenze der Kirchditmolder Feldmark getragen, hier an der Stelle, wo noch vor einiger Zeit ein großer Dornbusch oder „Dornshost“ stand, wurde die Leiche abgesetzt und geruht. Davon hat die Stelle den Namen „Am Ruhehost“ erhalten. Bis hierher kam auch der Pfarrer von Kirchditmold aus der Leiche entgegen. So war es bis zum Jahre 1832. Von da an begruben die einzelnen Gemeinden des Kirchspiels ihre Toten auf eigenen Friedhöfen und auch bei uns wurde die Begräbnistätte am Eingang des Dorfes angelegt, zwischen dem „Stadtwege“ und dem „Fraseweg“, so nannte man die jetzige Wolfhager Straße und die Niederfeldstraße.

Im Jahre 1871 wurde uns in der Schule gelehrt, das die Stadt Kassel 45000 Einwohner habe, aber die Bevölkerungszahl der Stadt, sowie auch die der nächstgelegenen Vororte, nahm dann schnell zu, und die in Kirchditmold eingepfarrten Gemeinden wurden dadurch veranlasst, eigene Kirchen zu bauen und selbständige Pfarreien zu gründen. So wurde im Jahre 1888 Wehlheiden, 1895 Rothenditmold und 1902 Wahlershausen vom Kirchspiel Kirchditmold abgetrennt. Als dann im Jahre 1906 Kirchditmold eingemeindet wurde und gleichzeitig der derzeitige Inhaber der Pfarrstelle, Herr von Lorentz, in den Ruhestand treten wollte, war auch für Harleshausen der günstige Augenblick zur Lostrennung vom Kirchspiel gekommen.

Bei den hierüber eingeleiteten Verhandlungen erbot sich die Muttergemeinde, an die neu zu gründende Kirchengemeinde, ein Kapital (etwa 90000 Mark) abzugeben, dessen Zinsen zur Bestreitung des Pfarrgehaltes ausreichend seien, wenn die politische Gemeinde Harleshausen sich verpflichtete, auf ihre Kosten eine Kirche und ein Pfarrhaus zu bauen. In der Sitzung der Gemeindevertretung vom 25. Juni 1906 wurde endgültig beschlossen, die Bauverpflichtung zu übernehmen, und dann wurde alsbald mit den Vorarbeiten zum Kirchenbau begonnen. Auf die Aufforderung zur Einreichung von Bauplänen gingen 5 verschiedene Entwürfe ein, von diesen wurde derjenige der Kasseler Architekten Garhard & Schäfer gewählt und es wurde dieser Firma auch die Bauleitung übertragen. Am 25.August 1907 fand die Feier der Grundsteinlegung statt und am 1. November 1908 wurde die fertige Kirche feierlich eingeweiht. Die dankbare Freude, die viele Leute darüber empfanden, daß nun auch der große Ort Harleshausen eine eigene Kirche hatte, zeigte sich in den großherzigen Stiftungen zur Ausstattung und Schmückung der Kirche. Es wurden zwei von den vier großen Glocken gestiftet, die der Glockengießer Rinker in Sinn geliefert hatte, und die am Abend vor Himmelfahrt 1908 zum ersten Mal geläutet wurden. Ferner wurde gestiftet: Die Turmuhr, ein Werk der bekannten Firma Grau in Kassel, Altar, Kanzel und Taufstein aus rotem Sandstein, die gemalten Fenster und noch viele andere Sachen.

Durch die Verkoppelung hatte die Gemeinde im Jahre 1892 ein größeres Stück Land an den Friedhof angelegt bekommen und war dadurch zunächst einmal der Sorgen um Grundstücksankäufe zur Erweiterung des vorhandenen Totenhofes enthoben. Als aber um das Ende des ersten Jahrzehnt des jetzigen Jahrhunderts der Zuzug nach Harleshausen immer stärker und die Bautätigkeit immer reger wurde, kam man in der Gemeindeverwaltung zu der Überzeugung, das es ratsam sei, einen neuen Friedhof an anderer Stelle anzulegen, denn:
1. lag der alte Totenhof an einer vielbefahrenen Straße, und der Verkehrslärm störte oft die Beerdigungsfeierlichkeiten;
2. wurde gerade nach dem Bahnhof zu damals viel gebaut, und es war vorauszusehen, das der Totenhof bald mitten im bebauten Ortsgebiet liegen werde und
3. war schon wiederholt der Ruf nach einer Leichenhalle laut geworden, weil die Wohnungsverhältnisse in Folge des starken Zuzugs teilweise sehr beschränkt waren. Man wollte aber auf dem alten Friedhof keine Bauten mehr errichten, weil es auf der Hand lag, das über kurz oder lang ein anderes Friedhofsgelände beschafft werden müsse.

Im Jahre 1910 wurde durch das Gemeindeland am alten Friedhof eine Straße gelegt, die Krezsteinstraße und das Gelände beiden Seiten dieser Straße zu Bauplätzen verkauft. Mit dem hierdurch erübrigtem Gelde wurde der erste Teil des jetzigen Friedhofs von Johannes Klapp (Am Kirchhof) angekauft. Es wurde dann auch gleich, in der damals sehr günstigen Bauzeit, die Friedhofskapelle mit der daran befindlichen Leichenhalle nach dem Entwurfe der Architekten Gerhardt & Schäfer erbaut. Der zweite Teil des jetzigen Friedhofs, welcher erst vor kurzer Zeit in Benutzung genommen ist, wurde im Jahre 1921 bei günstiger Gelegenheit von der Gemeinde angekauft und die Stadt Kassel hat schon das nach Norden zu gelegene Gelände bis zur Wegmann Straße für die Friedhofserweiterung erworben.

In dem oben erwähnten Buche von W. Ledderhose aus dem Jahre 1780 wird von den Schulen des Kirchspiels Kirchditmold gesagt:
„Es finden sich auch hier, wie an den meisten eingepfarrten Orten, Schulhalter oder sogenannte Afterschulmeister, welche die täglichen Betstunden halten und die Kinder von 7 bis 8 Jahren unterrichten. Ältere müssen die Schule des Hauptortes besuchen“.

Diese Afterschulmeister waren in den meisten Fällen ehemalige Feldwebel oder Unteroffiziere. Da man für diese Leute nach dem siebenjährigen Kriege keine andere Verwendung hatte, mussten sie Betstunden halten und kleine Kinder unterrichten. Da die größeren Kinder des ganzen Kirchspiels in der sogenannten Küsterschule zu Kirchditmold unterrichtet wurden, hat unsere Gemeinde noch bis zur Abtrennung vom Kirchspiel, 1906, all jährlich einen Beitrag zur Instandhaltung dieses Schulgebäudes bezahlen müssen, das an der Haltestelle der elektrischen Bahn, der Nordseite der Kirche gegenübersteht.

Das erste Schulgebäude unserer Gemeinde muss wohl das im Jahre 1817 erbaute Haus Kronenstraße Nr. 10 gewesen sein. Früher stand mitten darauf, als Dachreiter ein viereckiger Glockenturm. Das kleine Glöckchen, das darin hing, wurde morgens, mittags und abends geläutet. Im Erdgeschoß war ein großer Schulsaal und darüber die Lehrerwohnung. In dem einen Saal wurden morgens die größeren und nachmittags die kleineren Schulkinder unterrichtet.

Als ich im Jahre 1868 zur Schule kam, war der einarmige Lehrer Sandrock, der sein ganzes Leben lang in Harleshausen gestanden hat, schon im Ruhestand, und der Unterricht wurde von seinem Gehilfen-Lehrer, Hampe, erteilt. Im Juli 1870 wurde Hampe zum Kriegsdienst eingezogen und der alte Sandrock musste wieder Schule halten. Schon wenige Jahre nach dem Friedensschluss von 1871 stieg die Bevölkerungszahl und damit auch die Zahl der Schulkinder derart, das es kaum noch möglich war, die Kinder in dem einen Schulsaal zu unterrichten.

Im Jahre 1880 wurde das Schulhaus an der Karlshafener Straße mit 2 Lehrerwohnungen und zunächst 2 Schulsälen erbaut. Zwei weitere Schulsäle mussten schon anfangs der neunziger Jahre angebaut werden und 1902 wurde ein neues Schulhaus mit 2 Schulsälen daneben gebaut. Als dann im Jahre 1908/1909 die Zahl der Schulkinder auf 500 gestiegen und aller Voraussicht nach noch schnell ansteigen würde, sah sich die Gemeindeverwaltung gezwungen, ein erweiterungsfähiges Hauptschulgebäude mit zunächst 6 Schulsälen zu erbauen. Einen günstig gelegenen Bauplatz dazu hatte die Gemeinde kurze Zeit vorher bei der Abtrennung vom Kirchspiel Kirchditmold erworben. Diesen Platz hatte die Pfarrei Kirchditmold bei der Verkoppelung erhalten, und da er dicht neben unseren Schulgebäuden lag, erwarb ihn unsere Gemeinde zum annehmbaren Preise von 1.- Mark je Quadratmeter.

Im Jahre 1913 waren 17 Lehrkräfte an unserer Schule tätig und es mussten 4 weitere Schulsäle, je zwei an den beiden Seiten des Hauptgebäudes, erbaut werden, die während des Weltkrieges unter großen Schwierigkeiten fertiggestellt wurden, so das unsere Gemeinde im ganzen 16 Schulsäle besaß. Am 1. August 1906 übernahm Rektor Teipel die Leitung unserer Schule und er hat als tüchtiger Schulmann etwa 30 Jahre lang mit großem Erfolg der Schule vorgestanden.

Die Verkoppelung und die Entstehung der großen Außensiedlungen in der Gemarkung Harleshausen

In dem Band „Mein blaues Buch“ von Hermann Löns findet sich ein kleines Gedicht mit der Überschrift „Verkoppelung“. Es schließt mit den Worten: „Und also wird mit vieler Kunst die Feldmark regelrecht verhunzt.“ Löns hat mit diesen Worten insofern recht, als bei der Verkoppelung mancher Feldmark über das eigentliche Ziel hinaus geschossen worden ist. Man hat alle Hecken, Sträucher und Bäume, die den nützlichen Vögeln Schutz und Nistgelegenheit boten, rücksichtslos beseitigt und wo sich ein Bach in schönen Windungen durch die Gegend schlängelte, hat man ihn all seines Schmuckes an Bäumen und Strauchwerk beraubt und seinen Lauf schnurgerade gelegt. Da kann man sich wirklich nicht wundern, wenn der Naturfreund eine solche Verkoppelung als eine Verhunzung der Landschaft bezeichnet.

Unsere Feldmark ist in dieser Beziehung bei der Verkopplung glimpflich davongekommen. Die viele Kilometer lange Waldgrenze, welche den ganzen westlichen Teil unserer Gemarkung abschließt, ist mit viel Buschwerk umgeben und in den übrigen Teilen der Feldmark sind durch die zahlreichen Neusiedlungen jetzt überall Gärten entstanden, die mit ihren Bäumen und Gebüschen den Vögeln Schutz bieten und das Auge des Beschauers durch Abwechslung erfreuen. Der Geilebach ist in seinem ganzen Lauf vom Walde bis zur Rothenditmolder Grenze mit all seinen Windungen und seinem Buschwerk geblieben, wie er war. Eine Geradelegung wer ja auch nicht nötig, weil der Bach außerhalb der Dorflage nur Wiesengelände durchläuft.

Als Obervellmar, Waldau und viele Orte unserer Gegend die Zusammenlegung ihrer Felder schon lange durchgeführt hatten, haben sich die Harleshäuser Bauern noch mit aller Gewalt dagegen gesträubt. Sie fürchteten die hohen Kosten und die Schäden, welche durch die Vernachlässigung der Felder während der Verkoppelungszeit entstehen und wenn auch noch nach der Planzuteilung jeder Einzelne behauptete, daß gerade er am schlechtesten weggekommen sei, so mussten sie doch später alle anerkennen, das durch die Zusammenlegung der vielen kleinen Stücke, die Bewirtschaftung leichter und die Erträge größer geworden waren.

In den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war der Bauernhof des Konrad Klapp (jetzt Kronenstraße 19 Schaumburg) mit etwa 240 Acker Land und Wiesen der größte in Harleshausen. Als der Besitzer dieses Hofes eines Tages plötzlich gestorben war und seine Witwe sich später wieder verheiraten wollte, verkaufte sie ihr Besitztum an den Juden Hermann Meyerhoff in Kassel. Meyerhof ließ den Bauernhof durch einen Inspektor bewirtschaften und war bestrebt, die Ackerzahl zu erhöhen, indem er gute Stücke Land gegen geringwertige, aber größere, umtauschte und auch gelegentlich Land dazukaufte, dann machte er in den landwirtschaftlichen Zeitungen bekannt, daß er einen Gutshof dicht bei Kassel mit 300 Acker Land und Wiesen zu verkaufen habe. Daraufhin kaufte der Landwirt Louis Richter aus dem Sachsenlande ihm sein Besitztum ab.

Bei der intensiven Bewirtschaftung, die Richter unter Anwendung von Maschinen und Geräten neuster Art durchzuführen begann, war natürlich die große Zerstückelung seines Grundbesitzes äußerst hinderlich und deshalb bot Richter alles auf, um die Verkoppelung herbeizuführen. Es gelang ihm schließlich auch, einige Bauern auf seine Seite zu bringen, und so wurde im Jahre 1882 das Zusammenlegungsverfahren der Gemarkung Harleshausen eröffnet. Durch allerlei Schwierigkeiten und Hindernisse wurde die Verkoppelung so verzögert, das die Planüberweisung erst nach 10 Jahren, also im Herbst 1892, stattfinden konnte. Inzwischen hatte Richter abgewirtschaftet. Er wurde als Geisteskranker nach Haina gebracht, wo er später verstarb; und der Hof kam wegen Überschuldung zur Zwangsversteigerung.

Richter hatte viele Prozesse geführt und Justizrat Friehs in Kassel, sein Rechtsanwalt, hatte für die nicht bezahlten Anwaltskosten eine Hypothek auf das Gut eintragen lassen. Da er an letzter Stelle stand, erwarb er das Gut, um nicht seine ganze Forderung zu verlieren. Ein großer Plan der jetzt Friehs’schen Besitzung, 146 Acker groß, war bei der Zusammenlegung unterhalb der Rasenallee nach Wilhelmshöhe zu ausgewiesen worden. Dazu gehörte ein großes Stück Wald, das die Forstverwaltung als Gegenwert für die ehemaligen Harleshäuser Waldwiesen in die Verkoppelungsmasse gegeben hatte. Dieses Waldstück sollte abgeholzt und dann als Rottland überwiesen werden. Herr Friehs kaufte aber den Holzbestand für 18000 Mark und deshalb ist dieser Teil der ehemalig Friehs‘schen Besitzung noch heute Wald.

Nachdem Herr Justizrat Friehs sein Gut über ein Jahrzehnt lang verpachtet hatte, verkaufte er es in einzelnen Teilen. Das gute Land beim Hofe, etwas über 20 Acker, kaufte der Gärtner Hördemann aus Kassel und errichtete darauf seine Gemüsegärtnerei, den Hof selbst und einen Teil des Landes vor dem Osterberg erwarb Heinrich Schaumburg und der große Plan unterhalb der Rasenallee wurde als „Gartenstadt Harleshausen“ zu einzelnen Baustellen aufgeteilt.

Als Zugangsstraße zu dieser Siedlung musste die alte Wolfhager Straße, die seit 30 Jahren nicht mehr benutzt war, neu zurecht gemacht und mit Kanal- und Wasserleitung versehen werden. Dazu gab Herr Friehs der Gemeinde ein unverzinsliches Darlehen von 25000 Mark, das ihm später aus den dafür eingehenden Anliegerbeiträgen zurückgezahlt wurde. Den Ausbau der Straßen und Leitungen im Gartenbaugebiet ließ Herr Friehs auf seine Kosten ausführen und erhob dafür später entsprechende Anliegerbeiträge. Im Jahre 1910 wurden dann die ersten Häuser der Siedlung Gartenstadt erbaut.

Es war schon damals geplant, eine gleislose elektrische Bahn (Obus) Kirchditmold-Harleshausen-Gartenstadt einzurichten. Die Sache scheiterte aber an der Höhe der Kosten und nun, 30 Jahre später, wird uns doch noch eine solche Bahn beschert. Ein Privatunternehmer namens Apell eröffnete dann 1911 eine Omnibuslinie „Gartenstadt – Harleshausen – Stadtmitte“, deren Betrieb aber viel zu wünschen übrig lies. Die Harleshäuser sangen damals: „Auf den Kasseler Omnibus man recht lange warten muß, kommt er endlich angehetzt, ruft der Schaffner: ’s ist besetzt.“ Im Jahre 1914 wurden die Omnibuswagen von der Wehrmacht eingezogen und es hat dann über 10 Jahre gedauert, bis der neue Omnibusverkehr der „KOG“ eingerichtet wurde.

Da seiner Zeit fast alle Harleshäuser Bauern gegen die Verkoppelung waren, glaubten sie auch nicht, das dieselbe durchgeführt werden könne. Der oben erwähnte Hermann Meyerhof aber wusste sehr wohl, das die Zusammenlegung der einzelnen Grundstücke, wie in allen ländlichen Ortschaften, auch in Harleshausen nicht ausbleiben würde. Nachdem er das ehemals Klappsche Gut an Richter verkauft hatte, kaufte er deshalb alle Grundstücke unserer Gemarkung, die er haben konnte. Besonders hatte er es auf die mitten im Habichtswald gelegenen Wiesen der Harleshäuser Bauern abgesehen, denn diese Waldwiesen brachten nur spärlichen Ertrag und lagen so weit ab vom Dorfe, daß manche Besitzer sich zu ihrem Verkauf leicht bereden ließen, aber Meyerhof wusste wohl, das diese Wiesen bei der Verkoppelung dem Forstfiskus zufallen würden, und das er als Entschädigung dafür ein anderes in der Feldmark des Dorfes bekommen würde.

Als dann die Verkoppelung im Gange war, setzt sich Meyerhof mit Kommerzienrat Peter Wegmann in Verbindung, der in Rothenditmold das früher Lothsche Gut gekauft hatte, und dieser kaufte ihm seine Harleshäuser Ländereien und Waldwiesen ab. Dafür erhielt Wegmann im Jahre 1892 einen Plan auf dem Rothenberg an der Rothenditmolder Grenze. Zu diesem Planstück kaufte er dann nach einiger Zeit noch zwei angrenzende Pläne hinzu, so daß er schließlich einen zusammenhängenden Grundbesitz von 240 Acker hier besaß. Dieses ganze Besitztum wurde dann mit Dampfpflügen tief herumgewühlt, mit hohen Bretterwändern umgeben und mit 10000 Obstbäumen bepflanzt. Es ist nun wohl nicht anzunehmen, das Wegmann diesen großen Grundbesitz nur zu dem Zwecke erworben hat, um Obstbäume darauf zu pflanzen. Der Obstbau sollte wohl nur dazu dienen, die Sache vorläufig einmal nutzbar zu machen.

Auch in der Rothenditmolder Gemarkung hatte Wegmann auf dem Rothenberg Grundbesitz erworben und ein großes Haus gebaut. Er glaubte, das die neue Straße, welche von der Wolfhager Straße aus auf den Rothenberg belegt war, einmal nach Harleshausen zu weitergeführt würde und das dadurch sein Harleshäuser Besitz zu Baugelände erschlossen würde. Da zur Ausführung dieses Planes aber eine Überbrückung des Verschiebebahnhofes nötig war, ist diese Straße jetzt noch nicht gebaut. Herr Wegmann ist längst verstorben und seine Erben verkauften den ganzen Park zu einzelnen Baustücken, da sie aus dem Obstbau keine Überschüsse erzielen konnten. So entstand die große Siedlung „Wegmanns Park“.

Das an Wegmanns Park angrenzende Gebiet der jetzigen Siedlung „Jungfernkopf“ war bei der Verkoppelung einem auswärts wohnhaften Captain Schreiber zugefallen. Da dieser Grundbesitz sowohl von Harleshausen als auch von Niedervellmar weit ab liegt, fand Herr Schreiber lange Zeit keinen Pächter dafür und es hat viele Jahre brach gelegen. Herr Dr. Hermann Warlich, der auch bei der Gartenstadt und Wegmanns Park den Mittelsmann zwischen den Verkäufern und den Ansiedlern gespielt hatte, übernahm schließlich das Grundstück von Herrn Schreiber und ihm gelang es, dasselbe in etwa 120 Baustellen aufzuteilen und zu verkaufen. Die Siedler bildeten eine Genossenschaft und die Ansiedlung hat sich gut entwickelt.

Das Kiefernwäldchen der Stadt Kassel am Jungfernkopf

Mein Vater, der in den Jahren 1834-1837 in Kassel das Schreinerhandwerk erlernte, erzählte später oft von den Viehherden, die während seiner Lehrzeit noch aus der Stadt auf die Weide getrieben wurden. So erzählte er auch von dem letzten Schweinehirten der Stadt, dem „Schinkenwilhelm“, der die Schweine aus den einzelnen Straßen zusammentrieb und dabei seine Peitsche mit dem kurzen Stiel und dem langen, schweren Schlag in Kreuz- und Querschlägen sehr geschickt zu handhaben wußte, – dem Hütejungen, der eine ähnliche, aber etwas kleinere Peitsche führte, rief er einmal zu: „Du wirst dein Lebtag kein richtiger Schweineherte, du kannst keinen Krizz- und keinen Querhieb“. Die ihm anbefohlenen Schweine pflegte Schinkenwilhelm mit den Namen ihrer Besitzer anzureden, z.B. „Du, Bäcker Buchenhorst, wätt Du wohl glich hierher gehn, un Du do driwwen, Du meinst wohl, du werest Bärgermeisters Schwinn, Du bäst grad so’n Schwinn wie annere Liede aus“ u.s.w.

Auch Kühe und Ziegen wurden damals noch aus der Stadt nach dem Habichtswalde hinausgetrieben. Von der Holländischen Straße aus ging die Viehtrift durch die sogenannte „Schenkebierstange“ über den Höhenrücken des Osterberges durch die Harleshäuser Feldmark dem Walde zu. Die breite Rasentrift, die sich auf der Höhe des Osterberges hinzog, wurde die „Alte Straße“ genannt, und die Stadt Kassel hatte das Recht, diese Trift zum Austrieb ihrer Viehherden zu benutzen. Bei der Verkoppelung der Harleshäuser Feldmark mussten alle derartigen Grundrechte abgelöst werden und die Stadt Kassel erhielt als Abfindung für ihr Huterecht ein etwa 10 ha großes Grundstück am Jungfernkopf zugewiesen. Da dieser neu erworbene städtische Grundbesitz zu landwirtschaftlicher Benutzung wenig geeignet schien, ließ ihn die Stadt mit Kiefern bepflanzen und in den fast 50 Jahren, die seitdem vergangen sind, haben diese Pflänzlinge sich zu ganz ansehnlichen Stämmen entwickelt.

Da das Kiefernwäldchen weitab von allen Ortschaften und abseits aller Verkehrswege lag, wurde es bald zu einem Schlupfwinkel verbrecherischen Gesindels. In den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde ein junges Mädchen, Anna Fuhrmann aus Heckerhausen, im Kiefernwäldchen ermordet und beraubt; und die Harleshäuser Polizei hatte ihre Arbeit auch mit mehreren Selbstmorden, die in dem abgelegenen Wäldchen verübt wurden. Erst als die Bautätigkeit der beiden Siedlungen „Wegmanns Park“ und „Jungfernkopf“ begann, wurde die ganze Gegend belebt, und damit war es auch mit den Schauergeschichten im Kiefernwäldchen vorbei.

Die hutegerechtsame, die Loosholz- und Leseholz-Berechtigung

So viel mir bekannt ist, hat die Gemeinde Harleshausen niemals eigenen Wald besessen, auch haben die Bewohner des Dorfes keinen Gemeinschafts oder Interessentenwald gehabt, wie das in manchen anderen Orten der Fall ist, wohl aber hatten die Einwohner von Harleshausen, ebenso wie diejenigen aller benachbarten Orte, gewisse Berechtigung in den staatlichen Forsten des Habichtswaldes.

Da war zunächst die Huteberechtigung. Die Harleshäuser Viehhute zog sich vom Kuttlei, das ist die Stelle, wo vor einigen Jahren das ehemals Kropfsche Holzhaus an der Rasenallee abgebrannt ist, am langen Treiben hinauf, (Naturschutzgebiet) am Fuße des Hühnerberges entlang bis zum Ahnatal bei der alten Kohlenzeche „Herkules“. Wenn der Kuhhirt frühmorgens, auf seinem großen Blechhorn tutend, durch die Dorfstraßen ging, wurden die Kühr, damals noch Braunvieh, in den Ställen losgebunden und in das Waldgebiet hinaufgetrieben, mittags wurden sie am Ahnabach getränkt, und abends kamen sie, die gewohnten Ställe füllend, wieder heim.

Ende der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts wurde die Hutegerechtsame der Gemeinde Harleshausen, ebenso wie die aller benachbarten Orte, vom Staate abgelöst. Die Gemeinde hatte die Wahl, ob sie als Abfindung ein Waldgrundstück oder Geld haben wollte. Sie wählte Geldabfindung, weil gerade ein Schulneubau dringend notwendig war und bekam 21000 Mark ausbezahlt, damit wurde dann das Schulhaus (jetzt Polizeistation) mit zwei Schulsälen im Jahre 1880 erbaut.

Nach dem Kurhessischen Gesetz vom 14.3.1850 stand den Bewohnern der Dörfer und Landstädte, soweit sie kurhessische Staatsangehörige waren und einen eigenen Haushalt führten, der Bezug von Losholz zu. Es sollten jedem Losholzberechtigten alljährlich zwei Klaftern (7,144 Raummeter) Holz zugeteilt werden, da von die Hälfte Hartholz und der dafür zu zahlende Preis sollte nicht nach dem Holzwert, sondern nach den Gestehungskosten, also Hauerlohn und dergleichen berechnet werden. Nach der Einverleibung Kurhessens in Preußen im Jahre 1866, erklärte die Preußische Regierung, das die Berechtigungen der hessischen Bevölkerung, also auch die Holzberechtigung, weiterbestehen sollten.

Auch das Preußische Gesetz vom 6. Juni 1873 behielt diesen Standpunkt bei, es brachte aber eine Änderung, die für Orte wie unser Harleshausen von großer Bedeutung war. Während nämlich das Kurhessische Gesetz die einzelnen Bewohner der Dörfer und Landstädtchen als Losholzberechtigte bezeichnet hatte, übertrug das Preussische Gesetz von 1873 die Berechtigung auf die betreffenden Gemeinden und es wurde nun für jedes Dorf und jedes Landstädtchen entsprechend der im Jahre 1873 vorhandenen Zahl der Losberechtigten eine bestimmte Holzmenge festgesetzt, die fortan alljährlich als Losholz bezogen werden konnte. Die für Harleshausen festgesetzte Jahres-Losholzmenge von fast 2000 Raummetern, war nach damaligen Verhältnissen reichlich bemessen. Bald kam dann aber, wie schon erwähnt worden ist, die starke Zunahme unserer Bevölkerungszahl und die Zugezogenen waren nach dem neuen Gesetz auch Losholzberechtigte, sofern sie die preußische Staatsangehörigkeit besaßen. So kam es mit der Zeit dahin, das jeder Berechtigte statt 2 Klaftern Holz nur 2 Raummeter oder einen Reisighaufen erhielt, und später gab es eben so viel alle 2 Jahre einmal, bis dann durch die Eingemeindung die Losholzberechtigung für unseren Ort nicht mehr bestand.

Wenn man einmal in ein Waldgebiet kommt, in welchem das trockene Holz liegen bleibt, weil der Ort von allen bewohnten Orten zu weit entfernt ist, dann erkennt man erst, wie schön sauber es bei uns im Habichtswalde ist, wo alle trockenen Äste und die sogenannten „Hellinge“ von den Bewohnern der umliegenden Orte weggeholt werden, weil ihnen aus kurhessischer Zeit das Leseholzrecht zusteht. Die Leseholzberechtigung ist auf zwei Wochentage, Montag und Donnerstag beschränkt, und wer Holz lesen will, darf kein Beil oder sonstiges Hauwerkzeug bei sich führen, auch sollen keine Hacken zum Herunterziehen der trockenen Äste benutzt werden. Nach der gesetzlichen Vorschrift darf das gelesene Holz in Traglasten oder höchstens mit Schiebekarren fortgeschafft werden, da aber die Benutzung von großen (???) Reffkarren, die sich zur Abfuhr von Holz eignen, hier nicht üblich ist, hat man auch Handwagen zum Wegschaffen des Leseholzes zugelassen und viele Bewohner unserer Dörfer holen ihren ganzen Brennholzbedarf kostenlos aus dem Walde.

Die Zehntgeldprozesse

Aus einer in meinen Händen befindlichen Prozessakte von Justizrat Spohr in Kassel, datiert vom 15. August 1882 ist folgendes zu ersehen:

Von einem Teile der Gemarkungen Kirchditmold und Harleshausen, welcher vorzugsweise das Hardtfeld begriff, hatte der Kurhessische Staat bis zum Jahre 1842 einen Zehnten zu erheben, welcher der Hardtfelder Struth- und Rottzehnten genannt wurde. Diese Zehntpflicht wurde im Jahre 1842 von den Pflichtigen durch Zahlung eines Betrages von 5912 Thalern, 29 Silbergroschen und 5 Hellern abgelöst. Zu dieser Ablösungssumme hatte die kurz zuvor ins Leben gerufene Landeskreditkasse den Zehntpflichtigen ein Kapital von 5900 Thalern gegen Verzinsung von jährlich 3 1/2 % und 1% Abtrag geliehen. Die Beiträge zu den Zinsen und Kapitalabträgen wurden von den Besitzern der früher zehntenpflichtigen Grundstücke der Harleshäuser Gemarkung an einen Erheber in Harleshausen gezahlt, von diesem an einen Erheber in Kirchditmold abgeliefert und vom letzteren zusammen mit den Beiträgen der Kirchditmolder Pflichtigen an die Landeskreditkasse entrichtet.

24 Jahre waren die Zahlungen in dieser Weise erfolgt, dann stellten im Jahre 1866 die sämtlichen Harleshäuser Pflichtigen ihre Zahlung ein. Durch einen bedauernswerten Irrtum war man zu der Ansicht gekommen, das die Landeskreditkasse die Zinsen und Abträge für ein und dasselbe Darlehn doppelt erhebe. Es waren nämlich von derselben Kasse mehrere Darlehn zur Ablösung der verschiedenen Harleshäuser Zehnten erborgt worden, und man glaubte, bei einem anderen dieser Ablösungskapitalien, das auch über 5 000 Thaler betragen hatte, handle es sich um dieselbe Sache, wie bei dem zur Ablösung des Struth- und Rottzehnten erborgten Gelde. Die Landeskreditkasse schrieb nun viele Jahre lang die nicht eingehenden Zinsen der Kapitalschuld zu. Die Kasse konnte ja nichts verlieren, denn sie hatte die Schuld- und Pfandverschreibung, nach welcher die sämtlichen früher Zehntpflichtigen, unter denen viele Begüterte waren, für Kapital und Zinsen solidarisch hafteten und ihr außerdem die ehemals zehntpflichtigen Grundstücke verpfändet waren.

Als dann aber auch im Jahre 1873 noch keine Zinszahlung erfolgte, griff die Landeskreditkasse von den ehemals Struth- und Rottzehntpflichtigen Grundstückbesitzern vier heraus und zwang sie unter Androhung sofortiger Pfändung zur Zahlung von 3632 Mark Restkapital und 1329 Mark rückständigen Zinsen. Es waren das die Bauern Asmuth Klapp, Martin Führer und Heinrich Hildebrand, sowie der frühere Gastwirt und Gelderheber Wilhelm Führer. Sie erhielten von der Landeskreditkasse eine Cession, in welcher die Kasse ihre Forderung an sie abtrat, und hätten nun ihr Geld von den übrigen Verpflichteten einziehen können. Da hierzu aber eine schwierige Verteilungsrechnung nötig war, die nur ein Jurist aufstellen konnte, und da man annehmen musste, das die Mehrzahl der Pflichtigen nur auf Grund eines gerichtlichen Urteils zahlen würde, ließ man die Sache zunächst einmal auf sich beruhen.

Im Jahre 1880 starb der frühere Gastwirt Wilhelm Führer, mein Großonkel und Pate, als dreiundachtzigjähriger Junggeselle und als einer seiner Erben, der auswärts wohnende Kunstmaler Ernst Wilhelm Führer, von der noch nicht erledigten Ablösungsgeldfordeung erfuhr, ließ er keine Ruhe, bis die Sache einem Rechtsanwalt übergeben wurde. Die Grundstückbesitzer, welche zu den anderen Zehntablösungskapitalien der Landeskreditkasse Zinsen und Abtrag zahlen mussten, hatten auch die Zahlung eingestellt, als sie sahen, das gegen Zahlungsverweigerung nicht alsbald eingeschritten wurde. Auch hier wurden einige Begüterte heraus gegriffen, die die ganze Schuld zahlen mussten und sie wollten nun auch ihr Geld wieder haben. So begannen die Harleshäuser Zehntgeldprozesse, bei denen für die Beteiligten nicht viel herauskam, die aber jahrelang dauerten, viel Prozeßkosten verschlangen, und unter den Bewohnern des Dorfes viel Hass und Feindschaft hervorriefen.

Das Gut des Kammerhernn v.d.Malsburg

Zu Anfang des vorigen Jahrhunderts stand da, wo die Kronenstraße auf die Helmarshäuserstraße stößt, (jetzt Aschenbrenner, Helmarshäuserstraße 14) der schon im 2.Abschnitt dieser Niederschrift erwähnte Gutshof des Herrn Heinrich Ferdinand v. d. Malsburg. Das große Wohnhaus, mit einem kleinen Säulenvorbau an der Ostseite, machte äußerlich einen schloßartigen Eindruck, wenn es auch zur Zeit meiner Kindheit im Inneren durchaus nicht schloßartig aussah. Es stand auf derselben Stelle, wie jetzt das Aschenbrennersche Haus, und davor, nach der Straße zu, war der Hof nach Süden und nach Norden hin zugebaut mit Wirtschaftsgebäuden. Im Jahre 1875 sind diese Gebäude sämtlich niedergebrannt, und der Gärtner Friedrich Schwarz, der damals Besitzer des Hofes war, hat das jetzt Aschenbrennersche Haus erbaut.

Heinrich Ferdinand von der Malsburg war am 14. August 1740 auf dem elterlichen Gute Elmarshausen bei Wolfhagen geboren. Er war hessischer Jagdjunker und badischer Kammerherr und starb als Junggeselle im Jahre 1821. Seinem letzten Willen entsprechend wurde er am östlichen Ende seines Besitztums begraben. Das Grab befindet sich auf einer kleinen Erhöhung in dem tiefen Wassergraben des Geilebachs am Stockwege. Eine aus Sandstein gefertigte Urne trägt die kaum noch zu entziffernde Inschrift: „Dem ehrendsten Andenken gewidmet“.

Herr v. d. Malsburg vermachte sein ganzes Besitztum seinem Kammerdiener Bechstädt und dessen Sohn. Diese Beiden verdroß es sehr, das aus dem großem Anwesen, das nach Osten völlig offen war, und in welchem es Obst von allen Sorten gab, so viel gestohlen wurde. Da eine Einfriedung bei der großen Ausdehnung des Grundstücks zu teuer kam, griffen sie zur List und sprengten in geschickter Weise das Gerücht aus, der Herr v. d. Malsburg habe im Grabe keine Ruhe und ritte von Zeit zu Zeit in den Wassergraben, an welchem das Grab liegt, auf und ab. Diese Geschichte wurde damals um so leichter geglaubt, als Herr v. d. Malsburg zu Lebzeiten ein etwas wunderlicher Herr gewesen war, und da die Einbildung viel vermag, gab es noch zu meiner Jugendzeit alte Frauen in Harleshausen, welche Steif und fest behaupteten, sie hätten den Geist des Herrn von der Malsburg auf seinem Schimmel am Grabe herumreiten sehen. Der Aberglaube half mehr als die stärkste Einfriedung.

Es wurde den Bechstädts nichts mehr gestohlen; aber viel Segen haben sie von ihrer Schlauheit nicht gehabt, als leidenschaftliche Spieler fuhren sie öfters einmal nach Hofgeismar, wo damals noch Roulette gespielt wurde, dort verloren sie viel Geld. Dann kam es zwischen Vater und Sohn zu Erbstreitigkeiten und Prozessen, jeder wollte seinen Anteil haben. In kurzer Zeit mußte das Gut verkauft werden und die Bechstädts gingen mit dem Stocke davon.

Heinrich Biede, der anfangs der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts Bürgermeister in Harleshausen war, hatte längere Zeit vorher das ehemals v. d.Malsburgsche Anwesen als Gärtnerei bewirtschaftet. Von ihm kaufte es der schon erwähnte Gärtner Friedrich Schwarz. Dieser war ein sehr kurzsichtiger, etwas hilfloser Mensch und von seiner Frau sagten die Harleshäuser, daß sie an der Wand kleben bliebe, wenn man sie dagegen würfe. Nach dem Brande von 1875 und dem Bau des neuen Hauses gingen die Vermögensverhältnisse des Schwarz immer mehr zurück und eines Morgens Ende der siebziger Jahre durcheilte unser Dorf die Kunde, daß sich der Gärtner in seinem Hause erhängt habe.

Nun kaufte, der schon im Abschnitt 10 erwähnte Sachse Louis Richter, den ganzen Grundbesitz zu seinem daneben liegenden Hofe hinzu. Das Schwarz’sche Haus mit einem Stück Garten dabei erwarb der Schuhmacher Karl Aschenbrenner. Wahrscheinlich haben schon lange Zeit vor Herrn v. d. Malsburg Herren aus bekannten Hessischen Adelsgeschlechtern auf demselben Hofe gesessen; denn aus alten Urkunden ersehen wir Folgendes:
1.“In den Besitz des Stiftes Kaufungen ging 1424 das Gut Hartrads v. Hundelshausen, gelegen in dene Dorffe und Feldmarke Haroldishusen über (v.Roques Urk.878)
2. Als Kaufunger Lehnsmann wird in dem bei Aufhebung des Stifes aufgestellten Verzeichnisse der Klosterlehen Kaspar von Berlepsch als Lehnsmann zu Harleßhusen genannt (v. Roques Urk, 766, b)
Es kann sich hierbei nur um den Gutshof handeln, den später der Kammerherr v. d. Malsburg besaß.

Die landwirtschaftliche Versuchsstation Harleshausen (Mitgeteilt von Oberverwaltungssekretär Otto)

Die landwirtschaftliche Versuchsstation ist am 1. Oktober 1857 von dem damaligen landwirtschaftlichen Zentralverein für Kurhessen gegründet worden. Ihr erstes Heim, die Domäne Heidau, vertauschte sie 1865 mit der Domäne Altmorschen, von hier wurde sie 1880 nach Marburg verlegt. Da sich dem weiteren Ausbau der Station in Marburg Schwierigkeiten entgegenstellten, beschloß die Landwirtschaftskammer für den Regierungsbezirk Kassel in deren Besitz die Versuchsstation bei der Auflösung des landwirtschaftlichen Zentralvereins im Jahre 1894 übergegangen war, die nochmalige Verlegung und zwar in die Nähe von Kassel. Es war zunächst ein Grundstück in der Nähe von Oberzwehren in Aussicht genommen, dem Ankauf stellten sich aber allerlei Hindernisse in den Weg.

Die Gemeindeverwaltung von Harleshausen bot dem Vorsitzenden der Landwirtschaftskammer, Herrn v. Stockhausen, ein Grundstück in der Nähe unserer Eisenbahnhaltestelle zum Kauf an, und die daraufhin angestellten Bodenuntersuchungen ergaben, das das Land geeignet war. Als dann die Stadt Kassel, auf Anfrage der Gemeinde, sich bereit erklärte, die Gasleitung nach Harleshausen zu legen und damit auch der Versuchsstation einen Anschluß an die Gasanstalt zu ermöglichen, wurde das Gelände angekauft und alsbald mit dem Bau begonnen. Mitte Juni 1910 erfolgte die Übersiedlung der Versuchsstation von Marburg in die neuen Gebäude zu Harleshausen. Die Größe des Geländes, auf dem der Neubau der Versuchsanstalt errichtet wurde, beträgt 10 Morgen, wovon 2 Morgen zu den Baulichkeiten verwendet sind. Der Rest von 8 Morgen bildet das Versuchsfeld.

Im Jahre 1933 wurde die Versuchsanstalt, nach Auflösung der Landwirtschaftskammer für den Regierungsbezirk Kassel durch den Reichsnährstand übernommen und ist seit dieser Zeit eine Abteilung der Landesbauernschaft Kurhessen. Seit dem Jahre 1939 verfügt die Versuchsanstalt über eine Pacht-Versuchsfeld von 20 Morgen in Immenhausen, Kreis Hofgeismar. Die Versuchsanstalt hat in erster Linie die Aufgabe, der kurhessischen Landwirtschaft mit Rat und Hilfe zur Seite zu stehen. Sie ist Mittlerin zwischen Wissenschaft und Praxis. Für die Untersuchung landwirtschaftlicher Betriebsstoffe wie Düngemittel, Futtermittel u.s.w. besitzt die Anstalt ein sehr gut eingerichtetes chemisches Laboratorium. Dadurch ist die Überwachung des Dünger- und Futtermittelmarktes ermöglicht. Für die Untersuchung der Böden zum Zweck einer intensiven Bewirtschaftung und einer Erhöhung der Ernten ist ein nach den neusten Erfahrungen eingerichtetes Bodenlaboratorium vorhanden. Hier erfolgt auch die Durchführung der vom Reich angeordneten Bodenuntersuchungs-Sonderaktion, nach welcher sämtliche Böden der deutschen Landwirtschaft auf Nährstoffmangel untersucht werden müssen. Die Versuchsfelder (8 Morgen in Harleshausen und 20 Morgen in Immenhausen) dienen zur Durchführung von wissenschaftlichen Versuchen zur Sicherung der Ernährungswirtschaft des deutschen Volkes. Für die Beschaffung einwandfreien Saatgutes und der damit verbundenen Sicherung guter Ernten steht der Versuchsanstalt eine mit den neusten Keimapparaten ausgestattete Samenprüfungsstelle zur Verfügung. Das früher in den Gebäuden der Anstalt untergebrachte Pflanzenschutzamt befindet sich seit Kriegsbeginn (1939) bei der Landesbauernschaft Kassel. Seit dem Jahre 1909 ist der Versuchsanstalt eine amtliche Stelle für die Untersuchung von Lebensmitteln angegliedert. Diese Stelle ist seitens der Regierung in Kassel mit der Durchführung der Vorschriften des Lebensmittelgesetzes beauftragt. Das bedeutet, daß die Lebensmittelbetriebe und der Lebensmittelhandel im Bezirk der Anstalt einer ständigen Kontrolle durch die Beamten der Versuchsanstalt unterliegen. Ferner befindet sich in den Gebäuden der Versuchsanstalt das „Milchwirtschaftliche Untersuchungsamt“, eine Einrichtung des Milch- und Fettwirtschaftsverbandes für den Regierungsbezirk Kassel. Von hier aus erfolgt eine Kontrolle der hessischen Molkereien, verbunden mit einer Prüfung der in den Handel gebrachten Butter-, Käse- und Quarksorten durch die hierzu bestellten Prüfer. Im Jahre 1936 wurde eine Zweigstelle des Tiergesundheitsamtes für die Provinz Hannover in den Gebäuden der Versuchsanstalt untergebracht. Diese Stelle dient der hessischen Landwirtschaft durch Bekämpfung von Tierkrankheiten. Während des Krieges wurde diese Zweigstelle geschlossen, wurde jedoch durch Verlegung des Tiergesundheitsamtes Braunschweig wieder in Betrieb genommen. Sämtlichen Abteilungen stehen im wechselseitigen Austausch die gesamten Einrichtungen und die überaus reichhaltige Bibliothek der Versuchsanstalt zur Verfügung. Durch Hand in Hand arbeiten aller Abteilungen ist eine nutzbringende Arbeit im Dienste der kurhessischen Landwirtschaft und somit des deutschen Volkes unbedingt gewährleistet.

Der Kreuzstein

Es gibt in ganz Deutschland, besonders aber hier in unserem Hessenlande, an Straßen und Wegen noch viele alte Sandsteinkreuze und ein großer Teil davon ist dem Kreuzstein, der hier an der Straße nach Rothenditmold unterhalb des alten Friedhofes steht, in Form und Größe ähnlich. Erwiesenermaßen sind aber diese kreuzförmigen Steindenkmäler nicht zu derselben Zeit und aus demselben Anlaß, sondern in verschiedenen Zeitperioden und aus verschiedenen Gründen errichtet worden. So habe ich einmal gelesen, daß schon die alten Germanen Steinkreuze an solchen Stellen errichteten, an denen der Boden besonders fruchtbar und ertragreich war. Im Mittelalter waren die sogenannten Sühnekreuze üblich. An der Stelle, wo ein Mensch erschlagen und ermordet worden war, wurde (auf Kosten des Täters) ein Steinkreuz zum Andenken an den Getöteten aufgestellt.

Eine andere Art von Kreuzsteinen aus dem Mittelalter sind die Leprakreuze. Die Leprakrankheit, auch Aussatz genannt, war eine furchtbare und ekelerregende Seuche, die in Deutschland im 13. bis 17. Jahrhundert stark verbreitet war. Die Aussätzigen mussten von der übrigen Menschheit getrennt leben, besondere Kleidung tragen, die sie als Aussätzige kennzeichnete, und viele Orte stellten Sandsteinkreuze an den Hauptzugangswegen auf, als Zeichen, das nur bis zu dieser Stelle die Leprakranken sich dem bewohnten Ortsgebiet nähern durften. Unser Kreuzstein könnte, meiner Ansicht nach, sehr wohl ein solcher Leprastein sein, denn der Weg, an dem er errichtet ist, war früher der Hauptzugangsweg zu unserem Orte und auch die Entfernung des Steines vom damals bebauten Ortsgebiet erscheint für ein solches Warnzeichen angemessen.

Bei einer genauen Betrachtung des stark verwitterten Steindenkmals kommen wir zu der Überzeugung, das wohl schon viele Jahrhunderte seit seiner Errichtung vergangen sein müssen. Das Gerücht, das der Stein zum Andenken an einen im dreißigjährigen (oder gar im siebenjährigen) Kriege hier ermordeten französischen Offizier aufgestellt sei, ist deshalb nicht glaubhaft. Wenn es sich hier um ein Sühnekreuz handeln sollte, so stammt es wohl aus dem Mittelalter, denn in dieser Zeitperiode war die Errichtung solcher Kreuzsteine üblich.

Die Rasenallee

In der Geschichte der Wilhelmshöhe von Paul Heidelbach ist zu lesen, das im Jahre 1797 unter Landgraf Wilhelm IX., dem späteren Kurfürsten Wilhelm I., an einer Chaussee von Wilhelmshöhe nach Wilhelmstal gearbeitet wurde. Nun war aber der Verbindungsweg zwischen den beiden fürstlichen Lustschlössern ursprünglich im heutigen Sinne, d. h. keine mit Steinen befestigte Kunststraße; sondern, wie der Name besagt, ein Rasenweg. Man hatte den Boden eingeebnet, mit Rasen belegt und links und rechts Bäume gepflanzt. Die Allee war nicht für Lastfuhrwerke bestimmt, sondern nur für die Kutschen und Schlitten der Herrschaften.

Es wird uns erzählt, das König Jerome, der in den Jahren 1806 bis 1813 seine Residenz meist auf Wilhelmshöhe hatte, einen mit acht gezähmten Hirschen bespannten Schlitten zum Verkehr zwischen Wilhelmshöhe und Wilhelmsthal benutzte. Nach der Flucht Jeromes im Jahre 1813 fand man noch einige dieser gezähmten Hirsche im Marstall zu Kassel.

Die Beaufsichtigung und Instandhaltung der Rasenallee war Sache des kurfürstlichen Hofmarschallamtes. Die Rasendecke wurde dann im Laufe des vorigen Jahrhunderts durch Steinschotter und Feinschlag, aber ohne Packlage, ersetzt, so daß sie nur von leichtem Fuhrwerk benutzt werden konnte. Erst nach dem Kriege von 1914 bis 1918 übernahm der Bezirksverband die Rasenallee und befestigte sie so, das nun auch schwere Wagen bis zu 2,5 t Gewicht darauf verkehren können.

Die Rasenallee, auch wohl Fürsten-Allee genannt, durchschneidet den westlichen Teil unserer Gemarkung, und bietet gerade in diesem Harleshäuser Teilstück herrliche Ausblicke. Man sieht über das Fuldabecken bis zum Meißner, zum Bilstein bei Großalmerode, zum Hohen Hagen mit dem Gaußturm bei Göttingen und zum Gahrenberg im Reinhardswald. Es ist deshalb erklärlich, das die abwechselnd durch Wald und Feld führende und von starken alten Silberpappeln überschattete Allee von Spaziergängern viel benutzt wird und des in den daran liegenden Gasthäusern, Jägerhaus und Kaffee Stämmler, sowie in dem oberhalb der Allee gelegenen Gasthaus „Bergfreiheit“ an schönen Tagen viel Verkehr herrscht.

Die Wolfhager-Landstraße

An einem schönen Sommerferientage des Jahres 1876 ging ich als dreizehnjähriger Knabe mit meinem Vater durch den Wald zum Ahnatal hinaus. Wir wollten uns dort einmal die Bauarbeiten der neuen Wolfhager Landstraße ansehen, die damals gerade im Ahnatal im vollen Gange waren. Viele Arbeiter waren hier am Werke, Schienengeleise waren gelegt, auf denen lange Reihen von Kippwagen, die mit Erdboden beladen waren, von einer kleinen Lokomotive fortbewegt wurden. Man konnte schon sehen, wie die neue Straße jenseits der Ahna von der alten Straße in nördlicher Richtung abzweigte, um den steilen Berg zwischen dem Ahnatal und dem Windfang in einer mächtigen Schleife zu überwinden. Auf der Wiese, die sich südlich der alten Straße an der Ostseite des Ahnatales hinzieht, war eine große Bretterbude aufgeschlagen, in welcher die Arbeiter ihre Mahlzeiten einnahmen und ein Gastwirt aus Weimar die Kantine hatte.

Als wir dann auf der alten Straße zurückgingen und oberhalb der Rasenallee aus dem Walde kamen, bot sich unseren Augen ein herrlicher Ausblick. Durch das schöne von der Abendsonne beleuchtete Tal, das zu unseren Füßen ausgebreitet war, zog sich die mit Vogelbeerbäumen (Ebereschen) bepflanzte Landstraße, am Dörfchen Harleshausen vorbei, den Berg herauf, und es herrschte heute, wie an jedem Kasseler Markttage, auf der Straße reger Fuhrwerks- und Fußgängerverkehr. Unten im Tal ertönte Hörnerklang, die Post kam. Wir sahen dann auch da, wo jetzt die Gartenstadt angebaut ist, die große gelbe Postkutsche mit dem Dreigespann davor heranfahren und dahinter folgte, mit zwei Pferden bespannt, eine sogenannte „Bamchaise“. Beide Fahrzeuge waren mit Fahrgästen besetzt und der Postillon blies das allbekannt Lied: „Schier dreißig Jahre bist du alt“. Eine schöne Erinnerung an die Romantik der Postkutschenzeit!

Wenn man aber die gewaltigen Steigungen bedenkt, welche die alte Wolfhager Straße oberhalb und unterhalb der Rasenallee, zu beiden Seiten des Ahnetales und am sogenannten Bosenberge bei Burghasungen aufzuweisen hatte, kann man es nur als ein gutes Werk bezeichnen, das die damals durchgeführte Neuanlage der Straße alle die genannten Berge in geschickter Weise umgangen hat, so daß die neue Landstraße gut zu befahren ist und auch für den heutigen Autoverkehr als eine schöne, abwechslungsreiche Straße empfohlen werden kann.

Für die Neubaustrecke Kassel-Harleshausen war der ursprüngliche Plan ganz anders, als die Ausführung geworden ist. Die neue Straße sollte nämlich nicht, wie die alte von Holländischen Tore, also vom Norden der Stadt, ausgehen, sondern von dem damals im Aufblühen begriffenen Westen, also vom Ende der Hohenzollernstraße aus ihren Anfang nehmen. Um denn auch den Bergrücken zu umgehen, auf welchem Kirchditmold aufgebaut ist, war die Straßenkreuzung durch die Senkung zwischen Kirchditmold und dem Tannenwäldchen hindurch geraden Weges nach Harleshausen zu geplant. Dieser Plan mag nun wohl nur wenigen Leuten bekannt geworden sein, aber ein Schlaukopf, der zufällig die Bauzeichnungen gesehen hatte, kaufte sich unterhalb von Kirchditmold an der geplanten Straßenlinie ein Grundstück und erbaute darauf eine Gastwirtschaft, später das Gasthaus „Zum kühlen Grunde“ genannt.

Hierdurch wurden nun die Kirchditmolder darauf aufmerksam, das man ihren Ort beim Straßenbau Kassel-Harleshausen links liegen lassen wollte, besonders aber glaubte der Inhaber einer vielbesuchten Kirchditmolder Gastwirtschaft, das die geplante Straßenführung seiner Wirtschaft großen Schaden zufügen könne, weil die Leute aus dem ganzen Hinterlande von Harleshausen bis Wolfhagen und selbst aus dem Waldecker Lande bei ihren Fahrten und Wanderungen nach und von dem Kasseler Westen gern bei ihm einkehrten. Er besprach sich mit dem ihm befreundeten Kirchditmolder Bürgermeister und die Beiden beschlossen kurzer Hand, zusammen nach Berlin zu fahren und beim Ministerium gegen die geplante Straßenführung Einspruch zu erheben. Dies Vorhaben wurde dann auch bald ausgeführt und hatte einen durchschlagenden Erfolg.

Die alte Wolfhager Straße blieb auf der Strecke Kassel- Harleshausen unverändert bestehen und der Weg von Kirchditmold nach Kassel wurde auf Antrag der beiden Berlinfahrer dadurch wesentlich verbessert, das anstelle des gefährlichen Niveauüberganges über die Eisenbahn vor Kirchditmold eine neue Überführungsbrücke gebaut wurde. Da nun diese Brücke der Berlin-Reise der beiden Kirchditmolder Herren zu verdanken war, nannte sie der Volksmund zunächst scherzweise „Berliner Brücke“. Die Bezeichnung wurde aber nach und nach üblich, und später gab auch die Stadt Kassel dem freien Platz, den sie vor dieser Brücke anlegte, den Namen „Berliner Platz“.

Onkel Bräsig sagt: „Dem Ein’n sin Uhl is dem Anneren sin Nachtigall“, und das trifft auch hier zu. Für die Entwicklung von Harleshausen wäre es jedenfalls vorteilhaft gewesen, wenn die ursprüngliche Planung der Straße unverändert geblieben wäre, so daß wir schon damals eine schöne, direkte Verbindungsstraße nach dem Westen von Kassel unter Umgehung der bergigen Ortslage von Kirchditmold erhalten hätten, während für das ehemalige Dorf Kirchditmold die Änderung des Planes von großem Werte war.

Der Geilebach und der Blaue See

Unsere Geile ist nur ein bescheidenes, kleines Bächlein und trotzdem führt es auf seinem kurzen Lauf vom Habichtswald bis zur Einmündung in die Ahna zwei Namen. Dasselbe Bächlein, das wir „Geile“ nennen, führt im Gebiet des Vorortes Rothenditmold, sowie im Kasseler Gebiet, den Namen „Mombach“. Der Überlauf vom sogenannten „Blauen See“ ist jetzt der Anfang des Geilebaches, und der “ Blaue See“ ist durch den Betrieb des Strohmeyerschen Basaltsteinbruches entstanden.

Der Pflastermeister Strohmeyer aus Waldau hat in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts über der alten Wolfhager Straße einige Waldwiesen von zusammen rund 4 ha Größe von den Harleshäuser Besitzern gekauft und darauf einen Basaltsteinbruch betrieben. Während in dem nicht weit davon entfernten Steinbruch Erlenloch und im Bühl bei Weimar der Basalt in fünfkantigen Säulen vorkam, fand man in dem Strohmeyerschen Bruch besonders wertvolles Material in Platten, das sich nicht nur zur Herstellung von Pflastersteinen und Kleinschlag, sondern auch für Randsteine eignete. Herr Strohmeyer hat den Bruch mehrere Jahrzente lang mit gutem Erfolg betrieben. Da er aber nicht von unten her gegen den Berg vorgedrungen war, sondern oben eine tiefe Grube ausgehoben hatte, wurden die Arbeiten durch den Wasserzufluss aus dem umliegenden Gelände sehr erschwert, und außerdem war die Materialabfuhr schwierig geworden, weil die alte Wolfhager Straße nicht mehr als Landstraße in Stand gehalten wurde. Strohmeyer stellte deshalb den Betrieb ein und verkaufte den Grundbesitz an den Juden Emanuel Sauer in Kassel und dieser bot mir, als ich Bürgermeister war, das Grundstück zum Kauf an.

Da ich annahm, daß sich in dem rund 4 ha großem Gebiet Quellen finden würden, die für unsere Wasserleitung nutzbar gemacht werden könnten, kaufte ich das Grundstück im Jahre 1910 und zwar für mich persönlich. Ich ließ dann mit einer Motorpumpe das Wasser aus der tiefen Steinbruchsgrube, die jetzt „Blauer See“ genannt wird, herauspumpen, fand aber keine Quellen. Als dann der Ausbau der Straßen in der Gartenstadt begann, pachtete mir der Unternehmer John, den von der Baustelle nicht weit entfernt liegenden früheren Steinbruch ab und setzte ihn wieder in Betrieb. Später kaufte John das Steinbruchsgelände von mir, bis auf einen 0,6 ha großen Teil an der alten Wolfhager Straße, den ich lange Zeit als Wiese benutzt und vor einigen Jahren an den Biochemischen Verein in Kassel verpachtet habe. Nach dem frühen Tode Johns wurde der Steinbruchsbetrieb wieder eingestellt, das Grundstück ging in andere Hände über und wurde an den Kyffhäuserverband verpachtet.

Die Kalköfen beim Ahnatal

Der bekannteste und begabteste Fürst unseres Hessenlandes: Landgraf Karl (1667-1730) war ein großer Kunstfreund und hat uns herrliche Bauwerke hinterlassen (Oktogon, Orangerie usw.). Er liebte aber auch die Jagd und weilte oft und gern in dem Jagdschlößchen, das sein Urgroßvater, Landgraf Moritz, an der Stelle erbaut hatte, wo vorher das Kloster Weißenstein gestanden hatte, derselben Stelle, an der später das jetzige Wilhelmshöhe Schloss errichtet wurde.

Im Jahre 1696 begann Landgraf Karl mit der Ausführung der von ihm geplanten Anlagen im Habichtswald. Wenn auch mit der Erbauung des Oktogons und der Kaskaden erst 1701 begonnen wurde, so ließ der Landgraf doch schon in den fünf vor hergehenden Jahren auf der Bergeshöhe Sammelteiche und Wasserführungen anlegen. Auch die Erbauung des „Alten Winterkastens“ oder „Kleinen Herkules“ stammt aus dieser Zeit. Die zu diesen Bauten nötigen Steine wurden in der Nähe der Baustelle gebrochen.

Da aber auch die Heraufschaffung von Kalk auf die Bergeshöhe bei den damaligen Wegverhältnissen große Schwierigkeiten machte, errichtete man auf dem östlichen Hochrücken am Ahnatal eine Kalkbrennerei. In der „Geschichte der Wilhelmshöhe!“ von Paul Heidelbach finden wir in der Aufführung der im Jahre 1697 da oben ausgeführten Bauarbeiten (S.35) folgenden Vermerk: „Mauermeister Ritz erbaute auf dem Hohlgraben zwei neue Kalköfen“.

Das mit diesem Hohlgraben das Ahnatal gemeint ist, ersehen wir aus einer weiteren Stelle desselben Heidelbach’schen Werkes (S.151). Da heißt es: „1735 bat der Kalkbrenner Wiegand Hofmeister, der auf der Ahne im Habichtswalde wohnte, ihm das leerstehende Füllenhaus (Sichelbach) zur Wohnung zu geben. Da sein Haus auch der Wildbahn schädlich war, bestimmte Wilhelm, daß es abgebrochen und bei das Füllenhaus gesetzt oder dort ein neues gebaut werden solle.“ Also auch ein Kalkbrennerwohnhaus hat an der Ahna gestanden.

Wir müssen aber leider heute davon sagen: „Seine Stätte kennet man nicht mehr“. Doch von den beiden Kalköfen sind noch heute Reste vorhanden. Wenn man vom Gasthaus „Zum Ahnetal“ aus in Richtung „Herkules“ auf das östliche Ufer hinauf steigt und, oben angekommen, immer am Rande des meist steilabfallenden Berges weitergeht, so sieht man schon nach ca. 10 bis 15 Minuten den Überrest eines Kalkofens, eine gemauerte Rundung von etwa 3 m Durchmesser und 1,50 bis 2 m Höhe. In der Mitte dieses Ofenrestes ist eine starke Buche hochgewachsen, die von dem Mauerwerk gleichsam eingerahmt und beschützt wird. Auch von dem anderen Brennofen, der gar nicht weit von hier entfernt (in nordöstlicher Richtung) gestanden hat, waren vor einigen Jahren noch kümmerliche Mauerreste zu sehen. Heute wird wohl kaum noch etwas davon vorhanden sein. Am Bergesrande sieht man auch noch einen geradlinig begrenzten Einschnitt, der durch das Brechen der Kalksteine entstanden ist.

Nach dem Urteil von Sachverständigen ist der Kalk, der in Ahnatal gewonnen wurde, als ein einwandfreies Bindemittel für Mauerwerk nicht zu bewerten, da er zu viel erdige Bestandteile enthält. Wenn Heidelbach in dem a. v. erwähntem Werke schreibt: „Die Ursache der frühzeitigen Schadhaftigkeit des Oktogons und der Kaskaden lag einmal in der Beschaffenheit des Materials und sodann in Konstruktionsfehlern, die lediglich dem italienischen Baumeister Guerniero zur Lasten fallen, so kann man annehmen, das bei der Beschaffenheit des Materials nicht nur der leicht verwitternde Tuffstein, sondern auch der minderwertige Kalk vom Ahnatal in Rechnung zu stellen ist.

Bemerkenswerte, alte Harleshäuser Flur- und Wegebezeichnungen

Wie schon am Anfang dieser Niederschrift erwähnt wurde, sind die meisten Ortsgründungen in Deutschland in der Zeit vom 7. bis 8. Jahrhundert in Deutschland vorgenommen worden. Von diesen Ansiedlungen sind aber später viele wieder eingegangen, da die Ansiedler, besonders in kriegerischen Zeiten, den begreiflichen Wunsch hatten, sich an größere Ortsgemeinschaften anzuschließen, weil diese ihnen mehr Schutz vor räuberischem Gesindel boten. Auch in der Gemarkung Harleshausen gibt es zwei Feldstücke, an deren Namen zu ersehen ist, das hier einmal Ansiedlungen gewesen sind „Geilhausen“ und „Totenhausen“.

Geilhausen heißt das Feldstück nördlich vom Geilebach, oberhalb der Wolfhager Landstraße, nach der Rasenallee zu. Der Ort Geilhausen wird 1463 urkundlich erwähnt, soll aber schon etwa 1540 wüst gelegen haben. Ihren Namen soll diese Ortschaft nach ihrem Gründen „Geilo“ erhalten haben.

Totenhausen liegt zwischen unserem Ort und der Ochsenallee, da, wo die Bezeichnungen Totenhäusergraben und Totenhäuserweg an die ehemalige Siedlung erinnern. Der untergegangene Ort wird vom Jahre 1097 an in verschiedenen Urkunden als „Durdenhusen, Dodenhusen, Dudinhusen u.s.w.“ genannt, soll aber schon 1382 nicht mehr bestanden haben.

Westlich von Totenhausen im Gartenstadtgebiet gibt es die Bezeichnungen “ Am Gesänge“ und „Am Sängelsrain“. Diese Namen haben nichts mit Gesang oder Sängern zu tun, sondern sie kommen von „sengen“ – abbrennen. Die Waldflächen sind hier abgesengelt worden, in alten Karten heißt es auch noch „Gesenge“ und „Sengelsrain“. Das idyllische Wiesentälchen südlich der Gartenstadt, das sich zwischen den beiden Höhenrücken des Aurasens und des Sängelrains bis zur Rasenallee hinaufzieht, und in welchem die Klinik gelegen ist, führt den Namen „Lückenrot“, müßte aber eigentlich Lückenrod heißen, weil hier eine Lücke in den Wald gerodet wurde. Die im Norden an die Gartenstadt angrenzenden Wiesen nennt man „Heißelohswiesen“. Jedenfalls hat das früher „Haselloh“ geheißen, denn Loh ist eine alte Bezeichnung für niedrigen Wald und Hasel hat der Volksmund in Heißel verwandelt.

Als sich auf der alten Wolfhager Straße noch der ganze Fuhrwerksverkehr nach Wolfhagen und Waldeck abspielte, leisteten die Harleshäuser Bauern im Winter bei starkem Schneefall die starke Steigung oberhalb der Gartenstadt hinauf öfters Vorspanndienste. Die erste Anhöhe bis zur Rasenallee hieß „An den Aspen“ (Aspe-Espa-Pappel). Davon hat die jetzige Aspenstraße ihren Namen. Das tiefe Loch an der Eschebergstraße, der Einmündung der Aspenstraße gegenüber, ist dadurch entstanden, das unsere Vorfahren hier Basaltsteine zur Wegebefestigung gebrochen haben. Das anliegende Wiesentälchen hat dadurch den Namen „Tote Binge“, denn Binge ist ein bergmännischer Ausdruck für Bruch (Steinbruch) und tote Binge ist eine Vertiefung, die durch den Betrieb eines jetzt stillgelegten Steinbruchs entstanden ist.

Die jetzige Eschebergstraße ist erst nach der Verkoppelung (1893) angelegt worden. Der breite Rasenweg, der vorher in vielen Windungen vom Dorfe nach der Rasenallee hinaufführte, hieß die „Trift“, weil die Viehherden auf diesem Wege nach dem Walde hinaufgetrieben wurden. Geht man von der Toten Binge aus das Wiesentälchen hinunter bis zum Geilebach, so ist die von hier aus nach Osten zu ansteigende Höhe der „Hilgenberg“. Dieser Name ist gleichbedeutend mit Heiligenberg. Von der Höhe des noch nach dem Bache zu steil abfallenden Hilgenberges aus hat man eine schöne Aussicht, und da jenseits des Baches ganz in der Nähe einst die Siedlung Geilhausen lag, ist es wohl möglich, daß hier einmal eine heilige Stätte oder Kultstätte gewesen ist.

Der Höhenrücken, der sich nordwestlich vom Hilgenberg aus auf der anderen Seite des Baches erhebt, und über die Rasenallee in den Wald erstreckt, war früher eine Hutefläche, mit einzelnen sehr alten Eichen und Buchen bestanden, wie sie jetzt noch über der Rasenallee in den hier anschließenden, unter Naturschutz gestelltem Waldgebiet zu sehen sind. Der Höhenrücken hatte den sonderbaren Namen „Kuttlei“ und ich nehme an, daß die Kinder unserer Vorfahren einst hier ihre Ostereier den Abhang hinunter „gekuttelt“ haben, so wie wir es später am Daspel taten.

Unser schöne Daspel müsste eigentlich „Dachsbühl“ (Dachsberg) heißen; aber für Dachs sagte man früher „Daß“ und aus der oft vorkommenden Bezeichnung „Bühl“ für Berg hat man in unserem Nachbarorte Weimer „Böll“ und bei uns „pel“ gemacht. Der älteste Verein von Harleshausen, der 1872 gegründete Männergesangverein, hat im ersten Jahre seines Bestehens auf dem Daspel einen Tanzplatz zur Abhaltung von Sommerfesten eingerichtet und den Platz mit Linden umpflanzt, die zum Teil heute noch vorhanden sind. Das kleine Schutzhäuschen neben dem Tanzplatz ist 1911 vom Verschönerungsverein (später Hessischer Gebirgsverein genannt) erbaut worden, und derselbe Verein hat auch die erste Badeanstalt auf dem Gelände der Mittnerschen Ziegelei eingerichtet. Auf eine Anregung der Regierung hin wurde der Daspel unter meinem Vorgänger, Bürgermeister Homburg, mit Obstbäumen bepflanzt und die Gemeinde erhielt zur Beschaffung der Bäume vom Staate einen Kostenzuschuss von 700 Mark. Die Ausbuchtung des Berges unterhalb des Schutzhäuschen, in welcher bei Volksfesten das Karussell stand, ist dadurch entstanden, daß man in früheren Zeiten das basaltartige Gestein hier herausgebrochen hat, um es als Schotter beim Wegebau zu verwenden. Der Platz, auf welchem sich jetzt der an den Daspel angrenzende Sportplatz befindet, gehörte früher zum Staatswald und war mit Fichten bewachsen.

In der Zeit nach dem Weltkriege, als auch in Harleshausen viele kräftige, junge Leute arbeitslos an den Straßenecken herumstanden, erwarb die Gemeinde das Grundstück vom Staate zu einem angemessenen Preise. Zur Einebnung des Platzes waren große Erdbewegungen nötig und die Gemeinde konnte einen großen Teil der Arbeitslosen hierbei längere Zeit beschäftigen, da ja der Staat Beihilfen zur Entlohnung der beschäftigten Arbeitslosen gewährte. Die Stadt Kassel hat bei der Eingemeindung unseres Ortes mit dem Daspel, dem davorliegenden neuen Schwimmbad und dem angrenzenden Sportplatz ein ideal gelegenes Gelände zur Ausnutzung der Freizeit von alt und jung erworben.

Unter dem westlichen, steilen Abhange des Sportplatzes liegt ein kleines, von einem Wassergraben durchzogenes Wiesentälchen, das den Namen „Vittel“ hat. Eine Erklärung dieses Namens ist mir nicht bekannt geworden. In der Vittel, die zum Daspelgelände gehörte und Eigentum der Gemeinde war, wurden früher die in Harleshausen eingegangenen Hunde begraben. Verendete Pferde, Rinder, Schweine und Ziegen wurden von der Abdeckerei geholt, aber nicht die Hunde.

Geht man von der Vittel aus in westlicher Richtung weiter bis zur Waldecke, so ist man an der „Lambert“ oder auch „Lamber“. Dieser Name soll mit Landwehr gleichbedeutend sein und wird wohl auf kriegerische Ereignisse hinweisen, die sich hier abgespielt haben. An der Lamber war noch zur Zeit meiner Kindheit der Tanzplatz der Kurhessischen Jäger. In jedem Frühjahr, wenn beim Jägerbataillon die Rekruten eingestellt wurden, fehlte es in der Kaserne an Raum, und es wurden dann jedes Mal einige Kompagnien in die umliegenden Ortschaften gelegt. So zog denn auch immer eine Kompagnie der schmucken Jäger mit ihrer Musikkapelle an der Spitze in unseren Ort ein. Da nun auch damals schon die jungen Leute gern sonntags einmal ein Tänzchen machten, und es in jener Zeit mit Tanzsälen in Harleshausen noch schlecht bestellt war, legten die Jäger hier einen Tanzplatz an, im Schatten des Waldes mit schönem Ausblick auf das zu Füßen liegende Dorf und das dahinter sich ausbreitende Fuldabecken. Die großen Feuerwacken, aus denen Tische und Bänke am Tanzplatz errichtet waren, liegen heute noch unter den Tannenbäumen am Waldrande zerstreut umher, von dem eingeebneten Platz ist aber nichts mehr zu sehen; denn der Waldrandweg, der bei der Verkoppelung im Jahre 1893 als Grenzstreifen zwischen dem Staatswald und den Feldern angelegt wurde, führt mitten hindurch.

Die Obervellmarsche Straße wurde früher „Mühlenweg“ oder auch “ Müllerweg“ genannt, weil sie der einzige Zugangsweg zu den Ahnamühlen in Heckershausen, Ober- und Niedervellmar war, in denen die Harleshäuser ihr Getreide mahlen ließen. Wenn man die Obervellmarsche Straße bis auf den ersten Höhenrücken hinaufgeht, so ist man in der „Fladige“, das Feld liegt gleichsam wie ein großer „Fladen“ vor uns ausgebreitet. Geht man weiter, so hat man zunächst linker Hand das Land „auf dem Berge“ und rechter Hand die „Spanielstücke“, das soll von „Spannen“ (messen) herkommen, weil hier eine Reihe von kleinen Landstücken abgemessen war, die als Gemeindenutzen ausgegeben wurden. Jenseits des Grabens liegt an der linken Seite der Straße die „Windigsbreite“, (wohl nach einem früheren Besitzer genannt) und auf der Höhe darüber die Neusiedlung „Alte Breite“, die man in letzter Zeit scherzweise „Musikantenkolonie“ nannte, weil sich hier mehrere Kasseler Kammermusiker angesiedelt haben.

Gegenüber auf der rechten Seite der Straße heißt das nach Norden ansteigende Gelände „Ziegenburg“ oder auch „Ziegenberg“. Hier gab es vor der Verkoppelung noch viele Hecken und Dorngebüsche zwischen denen im Herbst die Ziegen gehütet wurden. Wenn auf einem Getreidefeld oder einer Grasfläche durch Lagern von Wild oder anderem Viehzeug die Halme niedergedrückt sind, so nennt man diese Stelle einen Prosch, davon hat das Feldstück oberhalb der Ziegenburg den Namen „Im Posche“. Das nach Norden anschließende, hoch gelegene Feld ist in alten Karten „Auf dem Mondschirme“ genannt. Man sagt auch „Auf’m Mondscheine“ oder „Mondschinne“. Diese Bezeichnung findet man auch für Feldlagen anderer Orte, so z.B. in Ippinghausen bei Wolfhagen. Der Name ist jedenfalls auf „Mainzscheide“ = Grenze des kurmainzischen Gebietes zurückzuführen, denn Harleshausen gehörte mit dem Kirchspiel Kirchditmold bis zum Jahre 1325 zum Kurfürstentum Mainz. Vor der Verkoppelung war hier ein alter, aufgeschütterter Hügel , der „Schanzenküppel“ genannt, also haben wohl auch hier Grenzkämpfe gegen feindliche Übergriffe stattgefunden.

Hinter dem Höhenrücken des Osterberges zieht sich an der Niedervellmarschen Gemarkungsgrenze entlang eine tief eingeschnittene, romantische Schlucht, die „Orgelsgrund“. Eine Deutung dieses Namens ist mir nicht bekannt geworden. „Osterberge“ gibt es viele in Deutschland. Sie sollen ihren Namen von „Ostara“, der altgermanischen Frühlingsgöttin, haben. Wenn man auf der Höhe des Osterberges steht und ringsum die weite Aussicht betrachtet, kann man sich wohl denken, das hier einst Osterfeuer entzündet worden sind, die weit hinaus leuchteten ins Land der Chatten.

Der „Kampgraben“ zieht sich von der Obervellmarschen Straße aus durch das ganze Vorgelände des Osterberges hin. In der geschützt liegenden, breiten Senkung des Kampgrabens haben jedenfalls die kurhessischen Soldaten „kampiert“, wenn zur Mannöverzeit die große Parade im Niederfeld stattfinden sollte. Mein Vater hat von diesen Feldlagern oft erzählt.

Einen vielumstrittenen Namen hat ein Stück des Kasseler Gebiets, das westlich des Kampgrabens, jenseits der Eisenbahn gelegen ist. Die einen behaupten, es hieße Schenkebiers-Tanne“ und die anderen sagen „Schenkebierstange“. Es ist in letzter Zeit in Kasseler Zeitungen viel darüber geschrieben worden, ob der Name von einer Tanne oder einer Stange herrühre. Ich kann dazu nur sagen, daß es hier immer Schenkebierstange geheißen hat, und der Behauptung, daß der Ausdruck „Bierstange “ sinnlos sei, möchte ich entgegenhalten, das nach Aussage alter Leute das Bier früher in Stangen ausgeschenkt wurde, das waren hohe, zylinderförmige, glatte Gläser. Eine Stange Bier kostete 4 Heller, sagten die Alten.

Der alte Weg, der von der Harleshäuser Straße in Kirchditmold gegenüber der Riedelstraße abgeht und oberhalb unserer Haltestelle in die Wolfhager Straße mündet, war früher die „Heerstraße“, ein etwa 6 bis 8 Meter breiter Rasenweg. Über die Wolfhager Straße hinaus ging diese Heerstraße durch das Niederfeld über den Osterberg bis in die obervellmarsche Gemarkung weiter.

Als bemerkenswerte, alte Wegebezeichnung im alten Ortsgebiet wäre zunächst einmal die „Höhgasse“, jetzt Helmarshäuserstraße zu nennen. Wenn man den „Stadtweg“ von Rothenditmold herauf kam, war man hier auf der „Höhe“ angelangt. Dann der frühere „Weißensteiner Weg“, nach dem Kloster Weißenstein“ benannt, jetzt Karlshafener Straße. Der alte Name war zunächst in „Steinerweg“ abgekürzt, während die Gärten, die daran lagen „Wisse (weiße) Höfe“ genannt wurden. Die „Himmelsgasse“ soll ursprünglich Himmelmannsgasse geheißen haben und nach einem früheren Anwohner benannt worden sein. Von den Bewohnern der wenigen an der Gasse gelegenen Häuser sagte man: „Sie wohnen im Himmel“. Der Kirchditmolder Pfarrer Schemper, der in einem dieser Häuser vor langen Jahren eine kirchliche Amtshandlung vorgenommen hatte, soll aber gesagt haben: „Wenn das der Himmel ist, nöchte ich die Hölle nicht sehen.“

Ein Spaziergang durch das Harleshäuser Gehege zur Firnskuppe

Wenn wir von der Firnskuppenstraße aus dem von H.W. Gebirgsverein mit FK (Firnskuppe) bezeichneten Wege folgend einige hundert Meter in den Wald hineingegangen sind, so sehen wir in westlicher Richtung vor uns den tief eingeschnittenen Mittelgraben, in welchem vom Kyffhäuser Verband ein Schießstand angelegt ist. Am nördlichen Ende dieses Grabens bemerken wir eine Erdaufschüttung, und früher konnte man auch noch den Bergwerksstollen sehen, der vom Graben aus in die Erde hineinführte.

Etwas weiter nördlich, oberhalb der nächsten Waldschneise gingen zwei Schächte in die Erde, deren Spuren man auch noch heute sehen kann. Hier wollte um die Mitte des vorigen Jahrhunderts ein Unternehmer namens Ranbold ein Braunkohlenbergwerk anlegen. Es ergab sich aber, daß die vorhandene Kohlenschicht zu einem lohnenden Abbau nicht mächtig genug war. Schade! Die Harleshäuser hätten hier die Brunkohlen viel näher gehabt als von der alten Zeche Herkules im Ahnatal, wo sie früher geholt wurden oder vom Druseltal, wo jetzt die nächsten Kohlen zu haben sind.

Das ausgedehnte Waldgebiet, in welchem wir uns befinden, nördlich bis zur Heckerhäuser Feldmark und im Westen bis zur Rasenallee reichend heißt „das Harleshäuser Gehege“. Zu hessischen Zeiten gab es hier viel Rotwild, und ich erinnere mich noch genau, daß ich als vier- bis fünfjähriger Knabe einmal mit meinem Vater hier im Gehege war und ein großes Rudel Hirsche gesehen habe. Kurz vor der Einverleibung Kurhessens in Preußen hatte der Kurfürst die Absicht, den ganzen Wald mit einem Wildgatter einzuzäunen, um den Wildschaden auf den Feldern zu verhüten. Jeder Waldabschnitt war deshalb zunächst einmal eingelappt worden, d.h. es waren ringsherum Seile gezogen und diese waren mit langen Stofflappen behängt, die sich im Winde bewegten und die Tiere zurückscheuchten, wenn sie aus dem Walde wollten. Nach und nach wurde dann die Einlappung durch das feste Wildgatter ersetzt.

Als dann aber die Preußische Regierung über den Wald zu befehlen hatte, wurden die Einzäunungsarbeiten nicht fortgesetzt, sondern das Gatter wurde beseitigt, und die Hirsche wurden im ganzen Habichtswald unter Zuhilfenahme von Militär restlos abgeschossen. Das war im Jahre 1868 und ich habe die vielen Leiterwagen durch unseren Ort fahren sehen, auf denen an Stangen die erlegten Hirsche hingen. Die Preußische Regierung war der Ansicht, das der Schaden, den das geweihte Rotwild durch das Abfegen der Rinde an den jungen Bäumen, besonders an Fichten, verübte, durch den Nutzen, den die Hirsche brachten, nicht aufgewogen wurde.

Wenn wir nun auf dem bezeichneten Firnskuppenwege weitergehen, so sehen wir bald überall im Walde Löcher, in denen sich bei feuchten Wetter das Regenwasser sammelt. Hier haben unsere Vorfahren den Ton gegraben, aus denen sie ihre Töpfe und Schüsseln selbst formten und brannten. Daran erinnert uns auch heute noch die Bezeichnung: „Gröpelhöfe“ für die Gärten an der Nordseite des Hirtenweges hinter dem Gasthause „Scharfe Kurve“. Hier am Hirtenwege hat einst ein Töpfer sein Handwerk betrieben, und davon fand man später große Scherbenhaufen (Gröpel-Krüppel-Scherben).

Ohne die angebrachten Wegezeichen würden wir wohl in dem weiten Waldgebiet des Harleshäuser Geheges mit den vielen sich kreuzenden Fußpfaden und Schneisen nur schwer unser Ziel finden, denn man sieht die beiden felsigen Gipfel der Firnskuppe mit dem verbindenden Bergsattel erst, wenn man nahe dabei ist. Die südliche Kuppe ist etwas höher und auch interessanter als die Nördliche. Beim Besteigen dieser Kuppe machen wir, ehe wir den Gipfel erklimmen, vor einem nach Osten offenen Gewölbe halt. Von der Sohle dieses Raumes führt ein Schacht in das Innere des Berges hinunter. In Winkelmanns Beschreibung von Hessen aus dem Jahre 1697 sagt der Verfasser, nachdem er vom Dörnberg gesprochen hat :
„Nicht weit davon findet sich auch ein großer Felsen auf dem Firnsberge, da man wie in einen gewölbten Keller hineingehet, hiernach aber ein jehlings durch den Felsen gehendes sehr tiefes Loch als ein Brunnen sich findet und ist doch ein Werk der Natur.“

Auch heute noch hört man zuweilen die Absicht aussprechen, das Gewölbe und Schacht der Firnskuppe ein Werk der Natur seien. Der Touristenführer für Kassel und Wilhelmshöhe vom Jahre 1907 schreibt noch von einer „tiefen Felsspalte“ unter einem natürlichen Gewölbe. Bei einer näheren Betrachtung von Schacht und Gewölbe müssen wir aber wohl zu der Überzeugung kommen, daß es sich hier um eine von Menschenhänden geschaffene Anlage handelt und nicht um „ein Werk der Natur“. Die glatten Wände des Schachtes, dessen Horizontalschnitt ein Rechteck bildet, weisen auf eine Bearbeitung mit Werkzeug hin, und über der Schachtmitte befindet sich in der Gewölbedecke eine kleine, viereckige Öffnung, die mit einem genau eingepasstem Steine wieder verschlossen ist. Es konnte also auch auf dem Berggipfel eine Winde aufgestellt werden, mit deren durch die kleine Öffnung gehenden Seilen das anfallende Gestein aus dem Schacht in die Höhe gezogen wurde. Die Maße des Schachtquerschnittes entsprechen den bei Bergleuten üblichen Schachtmaßen = 1 Lachter x 1/2 Lachter. Ein Lachter 7 Fuss oder etwa 2 Meter.

In der südwestlichen Ecke des überwölbten Raumes ist in den Felsen gehauen „Anno 1643“ und darunter ein nicht mehr zu entzifferndes Datum. Wir können aber nicht annehmen, daß diese Jahreszahl auf die Entstehung des Schachtes Bezug haben soll, sonst müsste ja die Anlage bei der Niederschrift von Winkelmanns Beschreibung von Hessen noch ziemlich neu gewesen sein, und der Verfasser wäre dann wohl kaum zu der Ansicht gekommen, daß das alles ein Werk der Natur sei. Auch kann man wohl nicht annehmen, das eine solche Arbeit in der Schreckenszeit des dreißigjährigen Krieges (1618-1648) ausgeführt ist.

Herr Architekt Stück glaubt, das die Firnskuppe eine alt-germanische Kultstätte gewesen sei, weil das Gewölbe nach Sonnenaufgang zu offen ist und weil noch verschiedene andere Anzeichen dafür sprechen. Herr Stück hat sich vor einigen Jahren auch bemüht, den Schacht, in welchem sich im Laufe der Jahrhunderte große Schuttmassen aufgehäuft hatten, wieder auszuräumen und es ist ihm mit Hilfe der von der Regierung zur Verfügung gestellten Arbeitsdienstleute und den von der Bergverwaltung in Heringen an der Werra entliehenen Geräten auch gelungen, den Schacht von 7 m bis auf 20 m Tiefe zu entleeren. Dann mussten aber diese Arbeiten eingestellt werden, ohne daß der Grund des Schachtes erreicht war; denn infolge der veränderten Zeitverhältnisse standen keine Arbeitskräfte mehr zur Verfügung.

Im Felsgestein der Firnskuppe findet man die tiefschwarzen, glänzenden Kristalle der Hornblende und ganze Klumpen von kleinen, grün und gelb schimmernden Olivin-Kristallen, sowie auch kleine Glimmerplättchen. Das Vorhandensein dieser Mineralien beweist nach dem Urteil der Sachverständigen den vulkanischen Ursprung des Gesteins. Die feurig-flüssige Lavamasse hat hier vor vielen Jahrtausenden die sie umgebende Erdrinde durchbrochen und ist wellenförmig emporgequollen. Durch die Abkühlung ist sie dann zu einer felsigen Masse erstarrt.

Einen Ausblick von eigenartigem Reize haben wir vom Gipfel der südlichen Kuppe aus. Wir stehen gleichsam auf einer kleinen Felseninsel und sehen zu unseren Füssen ein weites, wogendes Meer, das von den Wipfeln der Eichen und Buchen des Waldes gebildet wird. Darüber hinaus schweift unser Blick vom Dörnberg den Kamm des Habichtswaldes entlang zum Baunsberg, dem Heiligenberg, der Söhre u.s.w.. Von der nördlichen Kuppe aus hatte man früher eine schöne Aussicht auf das von Ahna durchflossene Tal mit Weimar, Heckershausen, Vellmar u.s.w.; aber die höher gewordenen Bäume des Waldes haben diesen Ausblick im Laufe der Jahre zum Teil verdeckt. Doch ist es ein gar lauschiges Plätzchen hier oben und wir werden auf der festen und bequemen Bank, die vom H. W. Gebirgsverein hier aufgestellt ist, gern eine kleine Zeit lang verweilen.

Gehen wir vom Fuße der Firnskuppe aus einige hundert Meter nach Süden zu geradeaus durch den Wald, so treffen wir auf den befestigten Holzabfuhrweg, der das ganze Harleshäuser Gehege von der Nordoststrecke bis zur Wolfhager Landstraße durchschneidet. Ungefähr der Firnskuppe gegenüber, da, wo der befestigte Weg einen kleinen Hügel durchschneidet, ist in das erhöhte Gelände an der Südseite des Weges ein Lagerkeller eingebaut, dessen Zugang durch eine eiserne Tür und ein am Wege entlang gehendes starkes Gitter verschlossen ist. Gehen wir von diesem Keller aus etwa 80 bis 100 Schritte weiter in südwestlicher Richtung durch den Wald, so sehen wir vor uns das „Heidenkönigsköpfchen“ oder, wie die Harleshäuser sagen, den „Heidenküppel“.

Der kleine Hügel wird von zwei sich kreuzenden, alten Gräben durchschnitten. Er besteht aus Lehmboden, während alle Berge und Hügel in der näheren Umgebung aus Basaltfelsen gebildet sind. Es ist deshalb wohl anzunehmen, das der Hügel vor vielen Jahrhunderten einmal zu irgendeinem Zweck aufgeschüttet worden ist. Wie mir Herr Bibliothekar Heidelbach, Grifte mitgeteilt hat, ist in der Zeitung „Der Beobachter oder Kasseler Blätter für Geist und Herz“ vom Januar 1835 eine Plauderei erschienen, die sich auf die Ausgrabungen am „Heidenkönigsköpfchen“ bezieht.

Es wird darin gesagt, das in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts viele Bewohner der Stadt Kassel die Gegend des Dorfes Harleshausen besuchten, um daselbst das Grab des Heidenkönigs zu sehen. Es heißt dann wörtlich in dieser Plauderei: „Es hatte nämlich ein gelehrter Herr die Versicherung gegeben, das unter einem gewissen Hügel jener oben bezeichneten Gegend der König Etzel samt seinem Marstall, Harem und treuesten Marschällen in christlicher Erde ruhe.“ Nach den religiösen Ansichten damaliger Zeit befürchtete man auch, das es dem ganzen Lande Unglück bringe, wenn ein Heide in der christlichen Erde begraben liege. Es wurde deshalb eifrig gegraben, aber nichts gefunden.

Südlich vom Heidekönigsköpfchen zieht sich eine tief eingeschnittene Senkung, der sogenannte „Hirtegraben“ durch den Wald und an diesem Graben entlang führt uns ein viel begangener Fußpfad oberhalb des Forsthauses aus dem Walde heraus. Wenn wir dann neben dem Forsthause wieder in den Wald einbiegen, so bringt uns ein Waldrandweg mit schönen Ausblicken wieder nach Harleshausen zurück.

Spuren einer 4000 Jahre alten Siedlung bei Harleshausen

In der Harleshäuser Aue, einem Geländestück, das östlich der Bahnlinie Kassel-Obervellmar am Geilebach entlang liegt, waren zu Anfang dieses Jahrhunderts einige Häuser erbaut worden, und in den folgenden Jahrzehnten wurde diese Auesiedlung immer größer. Als dann im Jahr 1934 ein Wasserleitungsgraben vom Hauptwege aus in nördlicher Richtung, quer durch das Auegelände angelegt werden sollte, fand man tief in der Erde allerlei merkwürdige Gruben und Löcher, auch Tonscherben und bearbeitete Steine wurden gefunden, die aus längst vergangenen Zeiten herzurühren schienen. Herr Rechtsanwalt Baumbach, der in der Auesiedlung wohnt, machte dem Kasseler Landesmuseum Mitteilung von dem Fund und es wurde nun sofort eine eingehende Untersuchung der Fundstelle durch Sachverständige vorgenommen. Herr Jordan, der bei der Untersuchung mitgewirkt hatte, teilte über das Ergebnis derselben in der „Kasseler Post“ vom 3. August 1934, folgendes mit:

„Man fand etwa 25 vorgeschichtliche Gruben angeschnitten, die von verschiedener Größe, bis 1,90 m tief, mit dem Wohnbau der steinzeitlichen Menschen in Beziehung stehen, sodass man sie je nach Umständen als Wohngruben, Kellergruben, Abfallgruben oder Pfostenlöcher erklären kann. In mehreren Gruben lagen flach ausgearbeitete Mahlsteine aus Sandstein, auf denen einst mit einem Reibstein das Getreide gemahlen wurde. Gebrannter Hüttenlehm zeigte, daß die Häuser bereits feste Wände besaßen, aus Flechtwerk mit Lehm beworfen. Das Bruchstück eines geschliffenen Steinbeils oder einer Pflugschar aus Stein und zahlreiche Topfscherben aus weichgebranntem, lehmigen Ton, Holzkohle und Abdrücke von Getreidekörnern im Hüttenlehm bewiesen einwandfrei das vorgeschichtliche Alter des fast 100 m lang sich erstreckenden Dorfes, auf dessen Platz nun erst nach über 4000 Jahren sich wieder Häuser erheben sollen.“

Nach den weiteren Ausführungen des Herrn Jordan ist aus den Verzierungen an den vorgefundenen Scherben und aus anderen Merkmalen zu schließen, das die Bewohner des vorgeschichtlichen Dorfes zu den sogenannten „Bandkeramikern“ gehört haben, die sich im dritten Jahrtausend v. Chr. Von Belgien über Ostfrankreich bis zur unteren Donau ausgebreitet haben. Man kann es wohl verstehen, das unsre Aue mit dem angeschwemmten, fruchtbaren Lehmboden, der geschützten Lage an der Südseite des Höhenrückens Osterberg-Rothenberg und dem fließenden Wasser der Geile schon vor Jahrtausenden die Menschen zur Ansiedlung verlockt hat, wenn wir wohl auch niemals erfahren werden, wie lange die vorgeschichtliche Siedlung bestanden hat.

Schlusswort

Wie einst unser Hessenland ein selbständiges Kurfürstentum war und jetzt nur ein schöner Gau unseres einheitlich regierten Vaterlandes ist, so war bis zum Jahre 1936 Harleshausen ein selbstständiges Gemeinwesen und ist jetzt nur ein Stadtteil der Großstadt Kassel. Wenn diese Niederschrift mit dazu beitragen sollte, daß die Geschichte unseres etwa tausend Jahre alten Dorfes nicht gänzlich vergessen wird und auch dazu mithilft, das mancher alte Harleshäuser und auch manch einer der Zugezogenen seine engere Heimat und damit auch unser Hessenland immer mehr kennen und lieben lernt, so hat sie ihren Zweck vollauf erfüllt. Ich möchte meine Ausführungen mit der letzten Strophe des Hessenliedes von unserem Kasseler Dichter Karl Altmüller schließen:

Herr Gott“, wenn einst mein Leben stirbt,
Und seine erste Ruh erwirbt,
Laß mich in meiner letzten Wiegen
Daheim im Hessenlande liegen.
Es rauschen dann in meine Ruh
Der Fuldawellen immerzu,
Als sänge mir die Mutter wieder
Die alten, lieben Schlummerlieder.
O, teures Land, mein Hessenland!

Digitalisierungsprojekt

Ich habe beschlossen, diese lesenswerten Aufzeichnungen von Wilhelm Führer digitalisieren zu lassen, um sie allen Interessierten zugänglich zu machen. Falls sich jemand an den Kosten beteiligen möchte, würde mich das freuen. Danke.
— Per Busch, Juni 2019