Die Waldrikscha – Waldbaden auf Rädern

Ab in den Wald. Wer nicht gehen kann, wird gefahren!

In den letzten Jahren habe ich von vielen Menschen gehört, dass sie früher sehr gerne im Wald waren, aber aufgrund altersbedingter Einschränkungen dort leider schon lange nicht mehr hinkommen. Ich habe mich gefragt, wie man das ändern könnte. Wie kommt man in den Wald, wenn man nur noch schlecht oder gar nicht mehr gehen kann? Die Lösung war einfach: Man fährt oder wird gefahren.☺

Die Idee

Man könnte Interessierte aus dem Kasseler Nordwesten mit einer E-Fahrradrikscha Zuhause oder in einer sozialen Einrichtung abholen und mit ihnen dann sehr langsam durch unseren wunderbaren Habichtswald fahren. An besonders schönen Stellen würde man vielleicht anhalten. Dort könnten die Fahrgäste dann in Ruhe die friedliche, belebende Waldatmosphäre genießen und vielleicht auch mal ein kurzes Stück spazierengehen. Auch der Besuch einer Waldgaststätte wie der Grimm-Hütte beim Erlenloch oder eine Fahrt durch den Bergpark Wilhelmshöhe wären denkbar.

Doktor Wald tut gut!

Waldbesuche sind gut für die Gesundheit. Sie sollten für möglichst viele Menschen möglich sein, gerade auch in Corona-Zeiten. Waldaufenthalte senken den Blutdruck, reduzieren Stresshormone, stärken das Immunsystem, befeuchten die Atemwege, entspannen die Muskulatur, beruhigen die Nerven, verbessern die Stimmung, lindern Depressionen, geben neuen Lebensmut und helfen gegen Vereinsamung und Lagerkoller. Wald tut allen gut! Mehr dazu in diesen Lesetips.

Wer in den Wald will, sollte es auch tun können. Und wer nicht gehen kann, wird gefahren!

E-Rikschas als Mobilitätshilfe, eine weltweite Bewegung

Zu meiner großen Freude fand ich bei der Recherche heraus, dass andere Menschen bereits auf ähnliche Ideen gekommen sind und es sogar fast so etwas wie eine weltweite Bewegung gibt. Unter dem Motto „Jeder hat das Recht auf Wind in den Haaren“ werden überall in Deutschland von Freiwilligen kostenlose Rikscha-Fahrten für mobilitätseingeschränkte Menschen angeboten. Ziel ist, gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen und etwas gegen soziale Isolation und Einsamkeit zu tun.

Zitate aus dem Wikipedia-Artikel über die Initiative „Radeln ohne Alter“

„Die Ausflüge mit den Heimbewohnern werden von Freiwilligen in deren Freizeit durchgeführt. Die Kommunikation zwischen Fahrgästen und Fahrern hat einen sehr hohen Stellenwert, daher werden auch nur solche Rikschas benutzt, bei denen die Fahrgäste vorne sitzen und somit eine gute Unterhaltung möglich ist. Während der Fahrt entsteht eine freundschaftliche Beziehung zwischen Fahrgästen und Fahrern. Durch das langsame und geruhsame Erfahren der Landschaft entlang der gewählten Strecke wird die Umgebung intensiv erlebt und gemeinsam genossen. Altersunterschiede werden genutzt um einander zuzuhören und voneinander zu lernen.

Die Fahrgäste profitieren von den vielen neuen sozialen Kontakten und empfinden die Fahrten als Bereicherung für ihren Alltag. Mit dem erweiterten Bewegungsradius können sie die freie Natur wieder erleben und Orte besuchen, an die sie schöne Erinnerungen haben. Insbesondere aber die Gespräche mit dem Rikscha-Fahrer und mit anderen Menschen, denen man auf der Fahrt begegnet, werden positiv bewertet.

Senioren haben nach einem Ausflug teilweise wieder begonnen zu sprechen. Demenzkranke genossen die Ungezwungenheit, wurden weniger aggressiv und kamen nach dem Ausflug gut gelaunt ins Heim zurück. Gehbehinderte freuten sich, dass sie unbeschwert an frischer Luft eine längere Strecke zurücklegen konnten. Sehbehinderte erklärten, dass sie beim Radfahren alle Sinne nutzen können – den Duft der Blumen riechen, dem Gesang der Vögel lauschen und den „Wind in den Haaren spüren“.“

Radeln ohne Alter Deutschland e.V.

Zwei Zitate von der Website des Deutschen Dachverbands:

„Es war ein voller Arbeitstag, aber ich hatte noch zwei Stunden Zeit und die Sonne schien – ideal für eine Rikscha-Ausfahrt. Ich hatte zufällig im Seniorenzentrum Schöneberg einen interessanten, ironischen und geistreichen Herren kennengelernt. Aber der sagte mir am Telefon ab. Also wies mir die Heim-Mitarbeiterin zwei Freundinnen zu, beide mit leichterer bis mittlerer Demenz, 88 und 91 Jahre alt. Auf sie war ich –ehrlich gesagt– weniger neugierig. Ich wusste nicht, was sie mir bei unserer gemeinsamen Ausfahrt würden erzählen können.

Kaum aber war ich mit den beiden alten Damen über die Hauptstraße hinweg zum Park gelangt, da fingen sie an, in Ohs und Ahs auszubrechen, gerade so, als hätten sie noch nie einen Teich, sonnenbeschienenes Laub oder herumtobende Kinder gesehen. Sie wollten gar nicht aufhören, mir zu danken, nahmen jeden Hubbel auf dem Weg als lustiges Abenteuer, lobten meine Fahrkünste, lachten. Passanten zauberte unser Erscheinen ein unwillkürliches Lächeln ins Gesicht, und die beiden Alten winkten ihnen zu, riefen Wildfremden fröhliche „Hallos“ entgegen. Sie machten unsere kleine Fahrt zu einer Feier ihrer Teilhabe am öffentlichen Leben. Und sie erzeugten um uns herum eine Blase aus guter Laune. Lächeln sammeln… Schließlich verbot ich den Beiden das Dankeschön, weil es mir selber solchen Spaß machte! Ich musste erkennen, dass es egal war, ob sie interessante Gesprächspartnerinnen abgaben. Was sie mit mir teilten, war ihr Glück. Ich bekam unfassbar viel davon ab. Das Wichtigste im Leben kann sehr einfach sein.“
„Auch die Pflegekräfte werden von diesen Erlebnissen positiv beeinflusst. Es ist für sie hoch motivierend zu sehen, wie sich „ihre Patienten“ freuen und begeistern können. Das wirkt sich auch auf die gesamte Stimmung im Seniorenheim aus. Eine Einrichtungsleitung berichtet, dass sie zunächst skeptisch war und befürchtete, das Projekt sei sicherlich nur zusätzliche Arbeit. Doch sie habe gesehen, welch enorme Wirkung diese Rikschafahrten auf alle Beteiligten haben und wie viel Lebensfreude hiervon ausgeht. „Man muss sich einfach anstecken lassen“, resümiert sie ihre Erfahrung.“

Hessisches Modellprojekt

Das Land Hessen hat im Oktober 2020 die Aktion „Radfahren gemeinsam neu entdecken“ gestartet. Das Ziel ist, Älteren und in ihrer Mobilität eingeschränkten Menschen mehr Mobilität, Teilhabe und Fahrradfreude zu ermöglichen. Dafür stellt das Land Hessen zusammen mit der Arbeitsgemeinschaft Nahmobilität Hessen teilnehmenden Einrichtungen während des Aktionszeitraums gratis E-Fahrradrikschas, Stufen-Tandems und spezielle Rollstuhl-Rikschas zur Verfügung und bietet, unterstützt durch den Verein „Radeln ohne Alter Deutschland e.V.“, Hilfestellungen für die Durchführung der Aktion vor Ort.

Die Räder sollen in sozialen Einrichtungen zum Einsatz kommen – etwa in Seniorenheimen oder Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen. Weil jeder ein Recht auf Wind in den Haaren hat…

Leider scheinen alle Teilnahmemöglichkeiten für 2021 bereits ausgebucht zu sein. Das zeigt aber auch, wie beliebt diese Aktion ist! Mehr Infos auf radfahren-neu-entdecken.de/kommunen/gemeinsam-erleben

Wer macht mit?

Eine geeignete E-Fahrradrikscha kostet zwischen 6000 und 8000 Euro. Die Erste würde ich vorfinanzieren oder sponsern. Eine Garage ist vorhanden. Wer hat Lust, sich in Kassel mit mir zusammen für solch ein Projekt zu engagieren?

An wen könnte ich mich wenden? Wer würde so etwas vielleicht unterstützen? Welche Vereine, Organisationen, sozialen Einrichtungen oder kommunale Stellen interessieren sich vielleicht für solch eine Initiative?

Man könnte einen Verein gründen oder das Projekt in eine bereits existierende Vereinsstruktur bzw. Institution einbinden. Tips für die Realisierung gibt es bei „Radfahren gemeinsam neu entdecken“.

Gedanken zur Umsetzung

Ich mag die Idee eines ehrenamtlichen Engagements von Freiwilligen und FSJlern, könnte mir aber auch vorstellen, dass es auch Fahrer*innen gibt, die entlohnt werden. . Wichtig erscheint mir nur, dass die Fahrgäste nichts bezahlen müssen.

Die Arbeit in der Pflegebranche ist hart. Viele waren schon von einem Burnout betroffen oder stehen kurz davor. Ich könnte mir vorstellen, dass Rikscha-Fahrten eine gute Möglichkeit wären, wieder langsam ins Arbeitsleben einzusteigen oder einfach mal für kurze Zeit aus der täglichen Tretmühle rauszukommen. Viele haben einen sozialen Beruf gewählt, weil sie eigentlich mit Menschen arbeiten wollten. Leider ist der Alltag aber oft so anstrengend und aufreibend, dass für das „Soziale“ meist kaum mehr Zeit bleibt.

Finanzieren könnte man eine Entlohnung vielleicht über Fundraising, Förderprogramme oder Zuschüsse (Kommune, Arbeitsamt, Bundesland, Staat, EU). Auch freiwillige Spenden von dankbaren Fahrgästen wären denkbar.

Kontakt

Diese Projektidee ist Teil meiner Waldprojektinitiative, deren Ziel es ist, den Kasseler Habichtswald attraktiver, barrierefreier und so für mehr Menschen zugänglich und erlebbar zu machen. Mitmacher gesucht, Nachahmer erwünscht!

Ich freue mich über Nachrichten, Feedback, Informationen, Kritik, Verbesserungsvorschläge und neue Ideen.☺ Ich suche Interessierte, die sich mit mir zusammen engagieren, mich diesbezüglich beraten oder anderweitig unterstützen möchten.
Per Busch

Wer mich kontaktieren möchte, kann dies via Twitter, Facebook, 0561-58554552, reisendermobil (gefolgt von) @googlemail Punkt com oder das folgende Kontaktformular tun.

Siehe auch

Die Bürger-Rikscha – Ein Mobilitätskonzept für das Alter? (Masterarbeit von Bianca Llerandi, 2017), eine wissenschaftliche Studie über nachhaltige Mobilität im Alter und subjektiv wahrgenommene Lebensqualität

Was muss bedacht werden?

  • Sanitäre Versorgung der Fahrgäste, technisches Versagen des Gefährts, plötzliche gesundheitliche Probleme des Fahrers.
  • Gibt es in den Waldgaststätten barrierefreie Toiletten?
  • Was macht man bei einem Notfall, wenn man sich gerade in einem Funkloch befindet?
  • Kann man immer einen Rücktransport gewährleisten? Genehmigung vom Forstamt für Notfall-Fahrten mit einem Auto/Taxi?
  • Wer wartet und repariert die Rikscha(s)?
  • Wie versichert man nicht nur Fahrten mit Menschen aus Pflegeeinrichtungen, sondern auch die mit Passagieren aus Privathaushalten?