„Kassels erste Grüne“ (Mosthof, HNA, 1981)

Unter dieser Überschrift erschien vor 40 Jahren ein wunderbarer Artikel über die „Märchenwelt am Mosthof“ in der HNA. Auf der Mosthof-Spezialseite gibt es mehr über die Erinnerungen von früheren Besuchern, das Leben und Wirken Adolf Zeilingers und Kassels erste Waschbären.

Der Mosthof

Lieber Himmel, was für eine Märchenwelt! Das kleine grüne Holzhaus zwischen den meterhohen Erlen, Fichten und Birken, die kleine Quelle, die über das Grundstück sprudelt und zum Wassertreten einlädt, die sattgrüne Wiese, eingerahmt von einem wahren Blütenmeer aus Sonnen- und Glockenblumen, Margeriten und Rosen. Dazwischen auf alten schmiedeeisernen Gartenstühlen sich ausruhende Wanderer, die Familie beim Nachmittagsausflug, spielende Kinder. Sitzt man hier auf der kleinen Lichtung im Habichtswald, fallen einem die Märchen der Brüder Grimm ein. Nun, sieben Berge müssen nicht überklommen werden, um zu einer Kasseler Attraktion besonderer Art zu gelangen. Aber auch heute würde wohl niemand erstaunt sein, wenn am Holztor Schneewittchen auf den Besucher warten würde, derweil die sieben Zwerge eifrig Samen aus den Sonnenblumen sammeln.

Ein Paar Stunden auf dem Mosthof im Habichtswald, da lässt man die Seele baumeln: Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein. Wer hier weggeht, ist glücklich. Das ist keine übertriebene Selbstbeweihräucherung der Mosthof-Wirte Adolf und Tilli Zeilinger, sondern — nach einer oder zwei Stunden Aufenthalt in dem Stück bundesdeutscher heiler Welt — für den Betrachter eine Tatsache. Man weiß natürlich, das Wort „Grüne“ hat nach der jüngsten Entwicklung einheimischer Politik geradezu provozierende Dimensionen. Aber die Vermutung liegt nahe: Die Zeilingers, das waren und sind Kassels erste Grüne.

Seit 1931 selbst Vegetarier, schenken sie noch heute eine Köstlichkeit aus, die selbst überzeugten Reformhäuslem das Wasser im Munde sprudeln ließe: Most, naturtrüb selbstverständlich, in fast allen denkbaren Variationen.

Adolf Zeilinger, mit Händen, die von einem rastlosen aber ruhigen Leben zeugen, in dem das Selbst-Anpacken noch immer etwas galt, begrüßt uns an dem Holztor zu seinem Anwesen. Ein kleiner Anstieg vom Parkplatz an der Ahnatalstraße hatte uns Büromenschen schon das Herz bis zum Hals schlagen lassen. Doch angesichts der Idylle, wie sie sich heute von ökoenthusiastischen Aussteigern allenfalls erträumen läßt, hüpft es noch ein paar Schläge schneller. Adolf Zeilinger begleitet uns die ersten Schritte vom Tor zu dem grünen Holzhaus, das gar nicht so perfekt, mit ein paar Spinnweben in jeder Ecke, mit den Sprossenrahmen und den Geranien vor dem Fenster den Wunschvorstellungen deutscher Kleingärtner entsprungen sein könnte. Kitsch? Nein, schön ist’s eben.

Es grünt und blüht

Die paar Schritte reichen Adolf Zeilinger, dem 73jährigen, uns seine Lebensphilosophie zu erklären: „Wir sind keine Wirte, die etwas verdienen wollen, wir möchten den Menschen helfen. Sie sollen glücklich sein.“Und dann erscheint Adolf Zeilingers ganz privates Glück. Ehefrau Tilli, klein, grauhaarig, mit Schmunzel-, aber keinen Altersfalten trotz der 73 Jahre, adrett im schlichten Kostüm. 30 Jahre lang hat sie den Gästgn den Most serviert, jetzt will man etwas kürzer treten: „Aus Altersgründen Öffnungszeit mittwochs ab 13 Uhr, samstags und an Sonn- und Feiertagen ganztägig“ ist auf einem Schild zu lesen. Tilli, natürlich, ist auch die gute Seele des Gartens. Die prachtvollen Blumen, die Quelle, der Rasen, der Wald ringsherum — das erfordert eine liebende, naturverbundene Hand. „Das alles“, erinnert sich Frau Zeilinger, „war Unland, nichts wuchs hier.“

Ehemann Adolf zeigt derweil eine kleine Blockhütte, mehr Hexenhaus als Ferienbungalow, heute das Stille Örtchen des Mosthofes. Eine Idee ist hier steckengeblieben. Adolf Zeilinger wollte diese Hütte, selbst erbaut, als Feriendomizil vermieten. Wer dort einzog, sollte einen Tag seines Urlaubs opfern, um mitzuhelfen, eine neue Hütte zu errichten. Doch vor das Ferienparadies in Eigeninitiative schoben Behörden ihre Schranken. Zeilingers Hüttenstadt wurde nicht genehmigt. Doch der Blick zurück erfolgt ohne Zorn. Denn die Zeilingers haben ihr Lebensglück in dem Stück Habichtswald gefunden. In die für uns immer noch ziemlich grüne, für das Wirtsehepaar aber graue Stadt Kassel fahren sie nur selten. Und sind zufrieden, wenn sie wieder dort oben sind auf ihrem Mosthof, um die Getränke auszuschenken, den selbstgebackenen Kuchen zu servieren, ganze Studentengenerationen mit ihren Kräuterbroten durchzufüttern.

Das machen sie so schon seit 1947. Damals wurde der Most noch selbst hergestellt, und seither gab es keinen Alkohol. Kasseler, deren Bäume sich unter der Last der Früchte bogen, brachten das Obst zu den Zeilingers. Mittlerweile fahren die Zeilingers zum Beispiel an die Weser, um den gesunden, süffigen Saft zu holen. „Aber wir halten die Ballons direkt unter die Presse.“ Veredelt, gemischt wird der Most erst zu Hause.

LEBENSREFORMER

Zu Hause — dieses Wort ist für die Mosthof-Bewohner mehr als nur eine leere Floskel. Das Haus wurde -— abgesehen von einer kleinen Hilfe professioneller Zimmerleute — selbst gebaut, Zentralheizung oder Öl-ofen sind noch immer Fremdworte für die Zeilingers. „Wir heizen unsere Ofen im Winter ausschließlich mit Holz, das wir aus den Wäldern sammeln.“ Also doch Kassels erste Grüne? „Wir sind vielleicht Lebensreformer, aber keine Dogmatiker“, meint Adolf Zeilinger. Von der Verteufelung des Kunstdüngers durch alternative Jungbauern hält er ausgesprochen wenig.

Es wäre fast zu schön, fielen in solchermaßen naturtrüben Freudenbecher nicht auch ein paar Wermutstropfen. Denn in die Zukunft blicken die beiden 73jährigen durchaus nicht nur mit lachenden Augen. Das Grundstück des Mosthofes ist auf Lebenszeit gepachtet. In fernen Tagen, so glaubt Adolf Zeilinger, werde es nur noch Geschichte sein. Hier wird wieder wilder Wald wuchern, und auch der Kaffee, eine längst vergangene gute Sitte, kann dann nicht mehr aufgebrüht werden. Eine Idee, vielleicht für andere, geben uns die beiden dennoch mit auf den Weg: So ein Mosthof, so ein Ausschank von gesunden, naturreinen Säften, müsse doch am Rande der Autobahn ein „Renner“ sein.

Rezept

Der Renner des Mosthofes ist das Kräuterbrot. Die Zeilingers verrieten uns das Rezept. Hier ist es: Eine Scheibe von gutem Roggenbrot. Darauf kommt: Reformmargarine, Vitamin R (erhältlich im Reformhaus). Belegt wird das Brot mit Gurken- und Tomatenscheiben, Rettich, verschiedenen Kräutern wie Liebstöckl, Majoran, Dill und Bohnenkraut. Nicht fehlen sollte ein Heilkraut wie Gundelrebe.

Quelle: HNA vom 7. August 1981, von Frank Thonicke und Frieder Haun
Anmerkung: Ein Schwarzweiß-Foto aus dem Artikel mit der Bildunterschrift „Ein Hexenhaus – das stille Örtchen heute“ und ein Bild der Zeilingers konnten aus technischen Gründen bislang leider nicht eingefügt werden.
Siehe auch: Kassel im Jahr 1981 (Regiowiki)

„Komm, Bärle, komm“

Wie die Zeilingers Kassels erste Waschbären bewirteten, woran sich frühere Mosthof-Besucher erinnern, was es sonst noch Interessantes zu erfahren gibt…
https://harleswald.de/mosthof

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