Kriegsende am Waldesrand (1945)

Vor 75 Jahren, als die Amerikaner nach Kassel-Harleshausen kamen und der Krieg endlich zuende ging…

3 Zeitzeugen erinnern sich an die Tage nach Ostern 1945: Kämpfe und Tote, Ängste und Hoffnung, Desertation auf Befehl, naive Jugendliche, Landser, Offiziere, SS-Männer, Durchhalteparolen, Menschen in Kellern, Verstecke unter Kohlen, Chewing Gum und das Ende einer Krise.

„Den Einmarsch der Amis am Ende des 2. Weltkriegs erlebte ich als 11-Jähriger auf merkwürdige, unmittelbare Art und Weise.“

von Gerhard Fuchs

Ab den ersten Apriltagen 1945 rechneten wir stündlich mit dem Eintreffen der Amerikaner. Nachrichten über genaue Truppenbewegungen waren vage. Die Verunsicherung und Spannung in der Bevölkerung waren groß. Die Nachbarn in dem Haus Eschebergstraße Nr. 93 wollten uns in der kritischsten Phase des Einmarschs in ihren Kellerräumen aufnehmen. Die nötigsten Sachen waren bereits rübergebracht.

Es war wohl der späte Vormittag des 3. April 1945. Das Leben auf der Straße war fast restlos zum Erliegen gekommen. Das Wetter war etwas verhangen, trocken und mild. Da sich draußen nichts Verdächtiges tat, durfte ich vor die Tür. Dort traf ich einen etwa gleichaltrigen Spielkameraden aus einem der anderen Häuser. Wir waren unschlüssig, was wir angesichts der ungemütlichen Lage anfangen sollten, schlenderten zur Rasenallee hoch und dann weiter Richtung Geilebach. Die Straße war schmal, im damaligen Standard asphaltiert und von hohen Pappelreihen gesäumt. Zum Bach ging es steiler bergab als heute, weil darüber nur eine kleine, flache Steinbrücke führte. Bis dahin waren es vielleicht noch gut 50 Meter. Die letzten eingezäunten Grundstücke lagen hinter uns.

Plötzlich waren sie da! Aufgetaucht aus dem Buschwerk am Wasserlauf kam eine kleine Gruppe von etwa sieben amerikanischen Soldaten in ihren olivfarbenen Uniformen mit Netzen und Grünzeug an den Helmen zügig im Gänsemarsch aus ihrem Versteck geklettert. Sie ließen sich durch uns überhaupt nicht irritieren und schnürten im Schutz des flachen Straßendammes auf der Habichtswaldseite zügig durch das noch kurze Gras auf die bewohnte Gegend zu. Als sie ungefähr auf gleicher Höhe mit uns waren, kam es zu einem kurzen, wortlosen Blickwechsel und wir sahen, dass es noch junge Männer waren, die alles bei sich hatten, was im Gefecht dazugehörte. Dann liefen wir zu unseren Eltern, um Bescheid zu sagen.

Dieses Erlebnis gehört zu denen, die sich wie kaum ein anderes in solcher Deutlichkeit in mein Gedächtnis eingeprägt haben. Vielleicht gerade deshalb, weil so gar nichts Bedrohliches von der Situation ausging, wo wir schon soviel Schreckliches in diesem Krieg mitgemacht und gehört hatten. Das passte nicht in das Bild, das wir in unseren Köpfen hatten. Dass es auch anders ging, erfuhren wir einige Stunden später.

Nachdem ich Zuhause aufgeregt von unserer Begegnung erzählt hatte, packten wir schnell noch ein paar Kleinigkeiten ein und gingen zu unseren Nachbarn in den Keller. Eine Zeit lang blieb es ruhig. Dann wurde es lauter auf der Straße, Motoren- und Fahrgeräusche drangen an unsere Ohren, dazwischen auch immer wieder Stimmen. Dunkles, durchdringendes Dröhnen mit schwerem Geratter kam hinzu. Wir Kinder hatten strikt in den hinteren Räumen zu bleiben. Aber von den Erwachsenen gingen einzelne nach oben und schauten vorsichtig mit Abstand durch ein kleines Guckfenster neben der Haustür. Sie hatten einen amerikanischen Panzer gesehen, der sich auf der Straße vorm Haus aufgestellt hatte.

Es dauerte nicht lange und Geschützdonner ließ das Gebäude erzittern. Es waren fürchterlich dumpfe, markerschütternde Schläge. Dabei blieb es aber nicht. Von einer Stellung in Richtung Schwimmbad wurde von deutscher Seite aus zurück geschossen. Später erfuhren wir, dass sie im Gehöft Schaumburg war, das dabei in Schutt und Asche gelegt wurde. Im Wechsel mit dem amerikanischen Feuer schlugen Granaten in und um unseren Unterschlupf herum ein. Mindestens drei Treffer konnten wir registrieren. Einer ging ins Dach, ein anderer beschädigte die Seitenfront und ein dritter riss ein Loch in die Frontseite in Kellerhöhe. Gleich danach kam meine dreijährige Schwester etwas angestaubt nach hinten gelaufen und sagte, ihr Bett habe gewackelt. Sie hatte darin geschlafen und die Einschlagstelle war am Fußende gewesen. Da sie sonst nichts abbekommen hatte, wich das große Erschrecken schnell der Erleichterung.

Mittlerweile war es Abend geworden. Die Dunkelheit zog herauf. Das Artilleriefeuer von deutscher Seite kam zum Erliegen und auch der amerikanische Panzer hörte auf zu schießen. Außer Fahrgeräuschen und Zurufen in englischer Sprache war bald nichts mehr zu hören. Nach einem unkonventionellen, einfachen Kriegszeitabendbrot teilten sich die Erwachsenen ihre Nachtwachen ein und wir Jüngeren wurden zum Schlafen auf Matratzen und Feldbetten geschickt. An die Nacht habe ich keine besondere Erinnerung mehr. Sie muss wohl einigermaßen ruhig verlaufen sein. Am Morgen danach gab es Frühstück vergleichbar dem Abendessen, allerdings zur Freude der Kleinen mit reichlich selbstgemachter Marmelade. Da weiterhin von Gefechten nichts wahrzunehmen war, machten meine Eltern einen Erkundungsgang zu unserem Heim in der Eschebergstraße 91. Kurze Zeit später holten sie meine Geschwister und mich nach und fingen an, sich wieder einzurichten und die durch den Beschuß entstandenen leichten Schäden zu reparieren.

Noch sehr verunsichert versuchten wir, uns in der veränderten Situation zurechtzufinden. Angespannt verfolgten wir die weitere Entwicklung vor allem dahingehend, ob Gefechtshandlungen neu entbrennen würden, denn wir konnten ja nicht wissen, dass zumindest für uns im nordwestlichen Stadtbezirk der Krieg so gut wie vorbei war.

„Wir desertierten auf Befehl“

von Erich Wiegand

Am Morgen eines Tages am Anfang der Karwoche hätte ich mich zusammen mit meinem Schulkameraden Willi Koch eigentlich bei der Sammelstelle des „Volkssturms“ im Kasseler Norden melden müssen. Aber wir waren uns einig: Zu diesem lahmen Haufen Volkssturm gehen wir nicht, wir gehen lieber zur regulären Truppe. So marschierten wir statt zur Weserspitze in die Jägerkaserne in der Frankfurter Straße und verlangten die Einberufung zur Wehrmacht. Eine Stunde später verließen wir die Kaserne in feldgrauer Wehrmachtsuniform, bewaffnet mit einem Karabiner, noch ohne Munition. Die gäbe es erst bei der Truppe, war uns gesagt worden. Da die üblichen Soldbücher nicht mehr vorrätig waren, versah man uns mit einer Bescheinigung, die uns als Soldaten des Landesschützenbataillons 602 auswies, das bei Harleshausen im Habichtswald in Stellung lag. Dort hatten wir uns unverzüglich im Bataillons-Gefechtsstand zu melden.

Unsere Elternhäuser lagen am Wege dorthin, und so unterbrachen wir unseren Marsch zur Front für einige Minuten, um uns zu Hause zu verabschieden. Ich fühlte mich in meiner Uniform und mit der „Knarre“ über der Schulter nicht wenig stolz und dachte mir, dieser Anblick müsse auch meinen Eltern imponieren. Stattdessen weinten beide, auch mein Vater, ein Weltkrieg 1-Soldat, der als u. k. (= unabkömmlich) gestellter Bahnbeamter nicht zum Frontdienst eingezogen war. Sein letzter Satz beim Abschied, zu meiner Mutter gesprochen, klang mir noch lange im Ohr: „Dann wird es ja wohl so kommen, daß wir überhaupt keine Kinder mehr haben.“ Meine beiden älteren Brüder waren schon 1941 und 1943 in Rußland gefallen, meine Schwester im Kleinkindalter verstorben. Ich war das letzte von vier Kindern.

An solche möglichen Folgen hatten wir bislang nicht gedacht. Wir fühlten uns als kriegsgewohnte Soldaten. Die vormilitärische Ausbildung in den Wehrertüchtigungslagern der Hitler-Jugend (HJ) lag hinter uns; außerdem hatten wir inzwischen ca. 30 Bombenangriffe auf unsere Heimatstadt Kassel erlebt, oft im dichtesten Bombenhagel. Vor wenigen Tagen war ich gerade sechzehn Jahre alt geworden, aber Großbrände, Trümmerfelder und Leichenberge waren mir trotz meiner Jugend schrecklich vertraut. Als wir uns im Gefechtsstand am Daspel meldeten, hörten wir aus südlicher Richtung Artilleriefeuer, das dann den ganzen Tag über anhielt. Ein alter Landser, der wohl unsere betretenen Mienen bemerkt hatte, versuchte uns zu beruhigen: „Das ist noch weit weg, die schießen noch nicht auf uns.“ Das sollte sich bald ändern. Am Gefechtsstand, der sich in dem wohlbekannten HJ-Heim am Daspel, dem späteren Valentin-Traudt-Haus, am Waldrand oberhalb des Schwimmbades befand, führte uns ein Stabsfeldwebel zum Bataillonskommandeur Major Meyer. Kurz wurden wir eingewiesen: „Unsere Hauptkampflinie ist die Rasenallee zwischen Schloß Wilhelmshöhe und dem Waldrand bei Heckershausen. Ihr bleibt hier im Stab als Melder.“ Bald erfuhren wir, daß der Major im Zivilberuf evangelischer Pfarrer war. Vielleicht verdanken wir diesem menschlichen Offizier unser Leben.

Haus und Umgebung waren uns schon aus unserer Pimpfen-Zeit wohl vertraut. Im HJ-Heim hielten wir unsere Heimatabende ab, im angrenzenden Wald zwischen Daspel, Rasenallee und Firnskuppe erlebten wir abenteuerliche Geländespiele. Das alles hatten wir prima gefunden. Auf die Idee, daß in der HJ die gesamte deutsche Jugend auf den Krieg gedrillt wurde, kamen wir damals nicht. Das Gebäude war mit dem Personal des Stabes bei weitem überbelegt. Die Offiziere waren in den Wohnräumen im 1. Stock untergebracht, wo sich auch die Befehlstelle befand. Die Mannschaftsdienstgrade hausten Parterre in dem größeren, saalartigen Raum, auf dessen Bühne wir mit einem Dutzend anderer Soldaten unseren Schlafplatz hatten. Wir schliefen auf dem Bretterboden auf einer mit Wolldecken belegten Strohschütte. Damit hatten wir es aber immer noch viel besser als die Soldaten in den Gräben und Schützenlöchern im Wald. Unser Stabsfeldwebel war schwer verwundet mit einer der letzten Maschinen aus dem Kessel von Stalingrad ausgeflogen worden. Er hatte ein Bein verloren und trug eine Holzprothese. Die Bewaffnung unserer Einheit, so hörten wir, war mies. Schwere Waffen waren nicht vorhanden außer vier 8.8 cm-Flakgeschützen, für die aber keine Munition da war. Die Soldaten hatten nur Infanteriewaffen und Panzerfäuste.

Am nächsten Tag wurde befohlen, entlang der Waldgrenze in Richtung Forsthaus Schützenlöcher zu graben. Sie sollten als Deckung dienen, falls der Gefechtsstand unter Beschuß geriet. Die Arbeit war mühsam und schwer, weil wir mit dem Spaten dauernd auf dicke, zähe Baumwurzeln stießen. Als ich aufgeben wollte, fuhr mich ein älterer Landser an: „Mach bloß weiter, Junge, du wirst bald froh sein, wenn du deinen Kopf unter die Erde stecken kannst.“ Wir spürten: Es wird langsam ernst. Abends waren wir schlagkaputt von der ungewohnten Plackerei. Aber mit Schlafen war nichts. Willi wurde zum Postenstehen eingeteilt, ich zu einem Spähtrupp.

Ein Infanterie-Hauptmann, der Fahrer, ein weiterer Soldat und ich stiegen in einen Kübelwagen und fuhren langsam bei stockdunkler Nacht die Wolfhager Straße hinauf und weiter in Richtung Wolfhagen. Wir trugen unsere durchgeladenen Karabiner, die Patronentaschen waren prall mit Munition gefüllt, am Koppel baumelten vier Stielhandgranaten. Wir fuhren ohne Licht. Wie der Fahrer bei der Stockdunkelheit überhaupt seinen Weg fand, war mir schleierhaft. Trotzdem kamen wir ganz gut voran, zumal es nicht mehr ganz so dunkel war, nachdem wir den Wald verlassen hatten und durch die offene Landschaft fuhren.

Der Hauptmann erklärte uns die Lage. Die Amerikaner hätten das Ruhrgebiet samt einer ganzen deutschen Armee eingekesselt und stießen nun weiter nach Osten vor. Niemand wüßte jedoch genau, wo die feindlichen Truppen inzwischen stünden. Wir sollten bei der nächtlichen Aufklärungsfahrt herausfinden, wie weit der Feind vorgedrungen sei. Bei Feindberührung, sagte der Offizier, raus aus dem Wagen und größtmöglichen Feuerzauber in Richtung Gegner, dann Rückzug. Wir näherten uns Wolfhagen und stießen dort auf eine deutsche Einheit, wo wir erfuhren, daß die Amerikaner am Morgen des Tages mit Panzerspähwagen vorgefühlt hätten und sich beim ersten Abwehrfeuer sofort zurückgezogen hätten. Mit einem größeren Angriff der US-Truppen werde nun jederzeit gerechnet. Damit war unser Auftrag erledigt. Auf dem Rückweg schlief ich auf dem Hintersitz des Wagens tief und fest ein und erwachte erst, als am Ziel der Motor abgestellt wurde.

Ich erinnere mich noch an eine weitere Fahrt mit dem Hauptmann in dieser Nacht. Wir fuhren zum Weinbergbunker in Kassel und warteten am Eingang ungefähr eine Stunde, bis der Hauptmann zurückkam. Diesmal war er schweigsam und sagte nichts über den Zweck seiner Mission. Der Fahrer erzählte mir, im Weinberg sei der Befehlsstand des Stadtkommandanten General von Erxleben, der die Verteidigung Kassels leitete. Ich hatte übrigens inzwischen jegliches Zeitgefühl verloren und kannte nicht mehr das jeweilige Datum des Tages.

Im nächsten Morgengrauen wurde ich geweckt und zum nahegelegenen Hof Schaumburg befohlen, um eine dort eingetroffene SS-Einheit zur HKL Rasenallee zu führen. Die Truppe in der Stärke von etwa zwei Kompanien war auf dem stadtauswärts auf der linken Seite der Wolfhager Straße gegenüber dem Schwimmbad gelegenen Gehöft angetreten. Im offenen Karree lagen auf dem Boden mehrere schwere Maschinengewehre, Munitionskisten und Stapel von Panzerfäusten. Die Männer waren nicht wie wir mit Karabinern, sondern mit Maschinenpistolen bewaffnet. Als ich ankam, hielt ein junger Offizier gerade eine kurze Ansprache, die sich mir unvergeßlich eingeprägt hat: „Der Führer hat die Stadt Kassel zur Festung erklärt, die bis zum letzten Mann zu verteidigen ist. Wer sich jetzt in die Hosen scheißt, ist ein Scheißkerl. Unser Kampfauftrag ist klar: Kein feindlicher Soldat darf den Boden der Stadt Kassel betreten. Wir werden es den Amis zeigen, wie die Waffen-SS kämpft. Unserem Führer ein dreifaches Sieg-Heil…“

Ich spürte ganz deutlich, daß der junge SS-Führer mit seinen markigen Worten seine eigene Angst übertönen wollte. Wenige Stunden später waren diese Soldaten tot oder verwundet und in Gefangenschaft und Schaumburgs Hof, den ein zurückgezogener Rest der aufgeriebenen Einheit erbittert verteidigt hatte, war ein rauchender Trümmerhaufen.

Als ich nach Erledigung meines Auftrags zum Bataillonsbefehlsstand zurückkam, brach an der Rasenallee die Hölle los. Heftiger Gefechtslärm, vor allem das Feuer der Infanteriewaffen zeigte an, daß der Angriff der Amerikaner begonnen hatte und daß sich der Waldkampf zu einem Nahkampf Mann gegen Mann entwickelte. Ich stieß auf Major Meyer, der mit einem großen Stapel von Akten und Papieren aus dem Gefechtsstand kam, die er in das nächste Schützenloch warf und mir befahl, Erde darüber zu schaufeln. Er blieb dabei neben mir stehen und sagte dann: „Ihr beiden seid doch von hier. Setzt euch ab, aber laßt euch nicht dabei erwischen. Ich lehne es ab, mit Kindern Krieg zu führen.“ Damit ließ er mich stehen und ging zurück in den Gefechtsstand. Schnell suchte und fand ich Willi Koch. Wir desertierten auf Befehl.

Wir schlugen uns durch die Büsche über den Daspel und liefen in östlicher Richtung, folgten dem Lauf des Geilebaches, in den wir unsere Waffen und Munition warfen und kamen schließlich zu der Bahndamm-Unterführung, durch die der Bach in Richtung Rothenditmold floß und die zu einem Luftschutzstollen ausgebaut war. Dort traf ich, wie ich vermutet hatte, meine Eltern an, die mit vielen anderen Bewohnern unseres Viertels dort Schutz gesucht hatten.

Ich ging mit meinen Eltern durch die Siedlung am Bahndamm zurück zum Weg in der Aue in das, vom Bombenkrieg stark beschädigte, Haus, in dem wir wohnten. Der Gefechtslärm im Habichtswald hatte sich weiter gesteigert. Wir sahen die glühenden Ketten von Leuchtspurgeschossen. Meine Uniform versteckte ich im Keller unter den Kohlen. Dann legte ich mich auf ein Luftschutzbett im Keller und schlief völlig erschöpft ein. Als ich am nächsten Morgen erwachte, war alles still, allerdings nur eine kurze Zeit. Dann begann ein stundenlanges schweres Artilleriefeuer der Amerikaner, das aber nicht mehr der Stadt galt, sondern den Resten deutscher Truppen, die sich in nordöstlicher Richtung zurückzogen. Mit zwei Eimern ging ich die Aue entlang zum Wasserholen am Pumpenbrunnen auf Appels Hof, wie wir es schon seit Monaten getan hatten, weil die Wasserversorgungsleitungen zerbombt waren. Ich ging durch ein Spalier von amerikanischen Infanteristen, die sich längs des Weges gelagert hatten und den Buben in seinen kurzen Hosen und Kniestrümpfen aufmerksam beobachteten. Ungehindert ließen sie mich durch und mit meinen gefüllten Wassereimern auch wieder zurück.

Es war die Woche nach Ostern. Am Mittwoch, dem 4. April 1945, übergab General von Erxleben die Stadt Kassel an die Amerikaner. Für uns war der Krieg zu Ende. Es ging aber noch gut vier Wochen weiter bis zur endgültigen Kapitulation am 8. Mai 1945 und forderte bis dahin noch viele Menschenleben.

Später erfuhr ich, daß die deutschen Soldaten an der Rasenallee schwerste Verluste erlitten hatten und daß die gefallenen Soldaten auf dem Friedhof von Harleshausen bestattet wurden. Nicht so allerdings mein siebzehnjähriger Vetter Heinrich Rausch, der, im Nahkampf schwer verwundet, auf dem Transport in ein Lazarett starb. Heinrich hatte noch vor kurzem mit hohem Fieber in Hofgeismar im Krankenhaus gelegen, war aber trotzdem zum Einsatz nach Kassel befohlen worden. Mitten im Kampfgebiet oberhalb der Rasenallee lag das Wohnhaus des Harleshäuser Arztes Dr. Kuhn, bei der Heinrichs Schwester als Sprechstundenhilfe tätig war. Noch während der Kämpfe richteten die Amerikaner ein Notlazarett im Hause des Arztes ein. Plötzlich trugen Sanitäter den schwerverletzten jungen deutschen Soldaten herein, und meine Cousine erblickte ihren Bruder Heinrich. Er war durch mehrere Treffer im Bauch und Unterleib verletzt. Nur eine Operation, so stellte der Arzt fest, könnte ihm vielleicht noch helfen. So wurde er nach der ärztlichen Erstversorgung von einem US-Sanitätsfahrzeug nach Frankfurt in das dortige Großlazarett gebracht, aber es war zu spät.

Den leitenden Pfarrer des Waldeckischen Diakonissenhauses in Arolsen, den Major a. D. Meyer, habe ich später besucht. Er war unverletzt in amerikanische Gefangenschaft geraten und noch 1945 entlassen worden. Ich bedankte mich für seinen persönlichen „Rückzugsbefehl“. Er sagte: „Das ist mein einziger Befehl während des Krieges, bei dem ich ein ganz gutes Gewissen habe.“

Am 8. Mai 1945 lag ich unter einem blühenden Obstbaum, sah den blauen Himmel und hörte die Bienen summen. Das Fluzeug, das über mir dahinbrummte, zwang mich nicht mehr, in eine Deckung zu flüchten. Es war ja Frieden.

„Have you chewing gum?“

von Harald Dölle
Der Daspel wurde gleich an drei Stellen angebohrt. Fremdarbeiter bauten einen Stollen in dem rötlichen Gestein. Der erste Eingang in den Berg entstand etwa bei der heutigen Treppe zu den oberen Liegewiesen im Schwimmbad. Der zweite Eingang war etwa auf Höhe der heutigen Umzäunung des Bades und der dritte Einstieg war kurz vor dem Ende der Rodelbahn/Firnskuppenstraße gegenüber der Weidefläche. Der Abraum aus dem Berg wurde mit Loren am Hang des Daspels abgekippt; der heute noch erkennbare Absatz am Eingang zum Bad und am Fuß des Berges entstand hierdurch. Der Stollen wurde kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner mit allen drei Eingängen verbunden.

irgendwann kam der Tag, als es hieß: „Die Amerikaner kommen“. Was in der Stadt vor sich ging, bekamen wir in Harleshausen überhaupt nicht mit. Eines Nachmittags, das Datum weiß ich nicht mehr, packten wir unsere wichtigsten Unterlagen und rannten in den gerade fertig gewordenen Daspelstollen. Mein Vater sagte nur, dass der Krieg zu Ende sei und die Amerikaner kämen. Ich vermute, dass er durch Auswertung der Meldungen des Militärsenders PRIMADONNA, den es auf Mittelwelle bis Karfreitag 1945 zu hören gab, und der immer die neuesten Luftlagemeldungen sendete, zu diesem Schluss gekommen war. Auf der Wolfhager Straße fuhren in schneller Fahrt deutsche Panzer und Wehrmachtsfahrzeuge aller Art stadtauswärts Richtung Westfalen.

Es war ein warmer Frühlingsnachmittag, im Stollen umfing uns kalte Nässe, das Wasser tropfte zwischen den Holzverstrebungen auf den nicht befestigten Stollengang. Wir wateten durch den Schlamm und es gelang uns, ein einigermaßen trockenes Plätzchen im hinteren Bereich des Stollensystems zu ergattern. Hier fanden sich nach und nach auch alle Nachbarn und Bekannten ein. Irgendwann bin ich eingeschlafen und spät in der Nacht durfte ich mit meinem Vater einmal vor den Stolleneingang treten. Die Sterne glitzerten, es war eine laue Nacht und merkwürdigerweise sehr ruhig. Schüsse waren nicht zu hören. Das Motorengebrumm auf der Ausfallstraße hatte aufgehört, die Fluchtbewegung der deutschen Streitkräfte Richtung Westen war offenbar zu Ende. Die Erwachsenen erzählten sich im Stollen die Geschichte, wie in der vergangenen Nacht eine allseits bekannte, offenbar etwas beschränkte Dame, trotz des Mondlichts den Weg in den Stollen verfehlt hatte und in das Schwimmbadbassin gefallen war. Irgendwie war eine gewisse erlösende Heiterkeit zu spüren, dennoch blieb die Angst vor dem angeblichen Feind, von dessen Reaktionen man auf Grund der jahrelangen Propaganda nichts Gutes erwartete.

Im Morgengrauen verließen wir das Stollensystem und schlichen in unser Wohnhaus zurück. Hier gingen alle wieder in den Keller und blieben dort; denn man ahnte, irgendwie kommen jetzt die Amerikaner in jedes Haus und werden es durchsuchen. Wie würden sie sich gegenüber der Bevölkerung verhalten?

Es dauerte bei uns etwa bis zum frühen Vormittag des nächsten Tages, als am Hintereingang vehement geklopft wurde. Mit erhobenen Händen öffnete mein Vater, vor uns standen zwei amerikanische Soldaten, ein Schwarzer und ein Weißer. Sie drangen in das Haus ein, durchstöberten alle Räume nach deutschen Soldaten und Waffen. Mein Vater hatte Mühe, ihnen klar zu machen, dass er kein Soldat sei. Meine Mutter stand bei dieser Aktion tausend Ängste aus, denn im Keller waren noch ein HJ-Messer und ein Fotoapparat versteckt. Die Soldaten fanden nichts und verließen das Haus. Sie machten uns klar, dass wir weiterhin im Keller bleiben sollten. Wann wir dort wieder raus sind, weiß ich heute nicht mehr.

Es muss wohl am nächsten oder übernächsten Tag gewesen sein, als wir uns trauten, das Haus zu verlassen. Überall auf den Straßenkreuzungen standen amerikanische Militärfahrzeuge und Panzer besetzt mit Soldaten, die einen friedlichen und fast netten Eindruck machten. Wir Kinder hatten keine Angst mehr und trauten uns dicht an die riesig wirkenden Panzer und LKWs heran. Die Soldaten ließen es geschehen, ja es gab vereinzelt auch mal ein kleines Geschenk an uns in Form von Schokolade, Apfelsinen und das noch nie gesehene Kaugummi. So war es eigentlich nur die logische Folge, dass wir Kinder den ersten – falschen -englischen Satz unseres Lebens lernten: „Have you chewing gum?“

Quellen und redaktionelle Bearbeitung

Ich habe die Berichte der 3 Zeitzeugen zusammengefasst und teilweise etwas gekürzt, überarbeitet und mit Details ergänzt. Meine Quellen waren Texte aus den Ossen-Heften 126, 166 und 197.

Tragödie auf der Firnskuppe

Tragödie auf der Firnskuppe

Im „Amtlichen Hessischen Kalender von 1881“ hat der Kirchditmolder Pfarrer Schirmer eine rührende Sage aufgezeichnet. Ob sich die tragische Liebesgeschichte wirklich so zugetragen hat, ist fraglich, aber 1821 ist auf der Firnskuppe im nordwestlichen Habichtswald tatsächlich ein Schäfer nach einem Sturz in den geheimnisumwitterten Schacht gestorben, wie ein Zeitungsartikel und das Heckershäuser Kirchenbuch belegen. Wahrscheinlich entstand die folgende Geschichte zwar erst danach, aber vielleicht ist sie auch schon älter und inspirierte den unglücklichen Schäfer zu seinem Tun.

Marie-Sophie und der Schäfermartin

eine Sage von der Firnskuppe — nacherzählt von Fritz Follmann

Vor etwa 250 Jahren lebte in Heckershausen der Bauer Jörg, ein reicher Mann auf einem großen Hofe. Der hatte ein einziges, sehr schönes Töchterlein namens Marie-Sophie. Das Mädchen wurde natürlich von vielen Freiern umschwärmt, aber es hielt sich sehr zurück. Denn es befürchtete, daß die jungen Männer sich mehr um sie bewarben, weil sie die einzige Erbin eines der reichsten Anwesen der Umgebung war. Auch der Vater Jörg hätte keinen der bisher erschienenen Freier als Schwiegersohn haben mögen: keiner von ihnen war ihm reich genug. Denn er vermeinte, daß doppelter oder noch größerer Reichtum für seinen Liebling gerade das Richtige wäre.

Ein junger Mann lebte damals in Heckershausen, auf den der Bauer Jörg große Stücke hielt — jedoch nicht in dem Sinne, daß er ihn sich zum Schwiegersohn gewünscht hätte. Das war der Schäfermartin, ein armer Bursche, der nur das hatte, was ihm das Hüten der großen Schafherde einbrachte. Dazu aber besaß er ein bescheidenes, freundliches Wesen, praktischen Sinn und Geschick. Dadurch war er den Bauern im Hause wie auf dem Felde unentbehrlich, und sie behandelten ihn so, als gehöre er mit zur Familie.

Eines schönen Sonntags weidete der Schäfermartin seine Herde an der Firnskuppe. Von allen Seiten kamen die Burschen und Mädchen singend herbei und leisteten dem Hirten Gesellschaft. Sie setzten sich zu ihm am Waldrand hin, und der Martin mußte erzählen. Denn auch erzählen konnte er wie sonst keiner.

Er erzählte von einem Liebespärchen. Die beiden hatten nicht zusammenkommen können, weil der Bursch dem Vater des Mädchens nicht reich genug war. Da hat dem jungen Manne einst eine Zigeunerin gesagt: „Tief unten in dem Schacht der Firnskuppe, da wächst ein Liebeskräutlein. Steige um Neumond hinab in das Loen, pflücke das Kräutlein und laß durch dein Mädchen dem Vater etwas davon beibringen. Du wirst sehen, wie schnell dann seine Gesinnung gegen dich umschlägt.“
Da ist der Bursch wirklich in der Neumondsnacht zur Firnskuppe gegangen, ist mit einer Laterne in die tiefe Grube hineingestiegen und hat gesucht und gesucht; aber ein besonderes Kräutlein hat er nirgends gefunden. Mit großer Mühe, aber ohne Schaden ist er schließlich wieder herausgekommen. Die Geschichte ist lautbar geworden, auch der Vater des jungen Mädchens hat davon gehört und hat darauf gesagt: „Wenn der junge Mann meine Tochter so lieb hat, daß er ihretwegen sogar ins tiefe Grab der Firnskuppe steigt, dann soll er sie auch haben!“ — Und die beiden sind ein glückliches Paar geworden. — So erzählte der Schäfermartin.

Auch Anne-Giedert, die Freundin der Marie-Sophie, hatte die Geschichte mit angehört. Marie-Sophie hatte zu Hause bleiben müssen: ein reicher Gutsbesitzer, hinter Kassel daheim, war gekommen, um sie zu werben. Der war so reich, daß er dem Vater Jörg ganz ausnehmend gefiel. Und er sagte seiner Tochter, das sei der richtige Mann für sie. Doch das Mädchen, das bisher immer fügsam gewesen war, sagte offen heraus, daß sie den Herrn nicht heiraten möchte und ihn auch gar nicht heiraten könne, weil sie den Schäfermartin so lieb habe, daß sie nur den und keinen andern heiraten würde. Da donnerte und wetterte aber der Vater los! Das zarte Mädchen regte sich derart auf, daß es in den folgenden Tagen wiederholt zusammenbrach. Ihre Freundin Anne-Giedert kam, setzte sich an ihr Bett und pflegte sie. Als sie hörte, wie das alles gekommen war, rief sie: „Das ist ja dieselbe Geschichte, wie sie der Schäfermartin am Sonntag erzählt hat!“ und nun mußte sie von dem Wunderkräutlein im Schachte der Firnskuppe berichten.

Marie-Sophie wurde dabei ganz verändert. In ihrer krankhaften Erregung setzte sie sich in den Kopf, dies Liebeskräutlein müsse auch ihr Glück bringen. Deshalb müsse sie in die Firnskuppe steigen, um es zu holen. Listig sagte sie bald danach, es gehe ihr wieder besser, und stand auf. Am nächsten Abend — es war Neumond — stahl sie sich aus dem Hause fort, suchte Anne-Giedert auf und bat sie, mit ihr nach dem Walde zu gehen. Die Freundin ging ahnungslos mit; denn sie glaubte, Marie-Sophie habe etwas mit dem Schäfermartin zu besprechen am Pferch vor dem Walde.

Als die Freundin aber den Weg zur Höhe der Firnskuppe einschlug, da wurde ihr auf einmal klar, was diese dort oben wolle. Sie suchte sie festzuhalten — vergebens! Mit der Kraft der Verzweiflung riß sich Marie-Sophie los und rannte wie ein gehetztes Reh den Berg hinauf. In der Not rief Anne-Giedert aus Leibeskräften um Hilfe, daß es weithin hallte. Der erste, der die Hilferufe vernahm, war Martin. Kaum hatte er gehört, was vorgefallen war, so sprang er in weiten Sätzen den Berg hinauf.

Andere Leute kamen und eilten dem Schäfer nach. Sie kamen vor der Höhle an — niemand war da. Alles Suchen und Rufen nach den beiden blieb ohne Ergebnis. Da fand einer Marie-Sophiens Umschlagtuch. Das hing an einem Felszacken vor dem Schachtloch. Schnell holten sie einen Balken, Seile und Laternen herbei. Der Mutigste wurde hinabgelassen, und nicht lange danach lagen Marie-Sophie und der Schäfermartin, zwar noch lebend, aber mit klaffenden Kopfwunden und ohne Besinnung im weichen Moose nebeneinander. Noch ehe man zwei Bahren hergerichtet, waren beide schon gestorben — im Tode vereint.

(Eine ausführlichere Version dieser traurigen Sage wurde 1859 im „Der liberale Alpenbote“ als Fortsetzungsgeschichte veröffentlicht. Digitalisierte Ausgaben dieser Zeitung findet man im Internet.)

Tatsächliche Begebenheit im Jahr 1821

In der „Casseler Polizey- und Commerzien-Zeitung“ stand bereits 1821 folgender Bericht über das Schicksal eines jungen Schäfers:

„Der Schäfer Bernhard Krebs zu Heckershausen, Amts Ahna, 22 Jahre alt, wurde am 30. Julius d. J. vermißt. Man hatte an demselben seit einiger Zeit eine große Schwermuth bemerkt und befürchtete daher ein unglückliches Ereigniß. Das Nachforschen war vergebens. Zwei Tage nachher, am 1. August, geht ein Dienstknecht aus Heckershausen nach dem hohen Felsen, der Fernskopf genannt, in dem benachbarten Walde, auf dessen Spitze ein verlassener Schacht sich befindet, und hört, an die Öffnung gelehnt, aus der Tiefe das Ächzen eines Menschen. Er eilt sogleich in das Dorf zurück, und auf die Kunde begeben sich viele Leute, mit den nöthigen Rettungsmitteln, nach dem Schachte. Es werden zwei Leitern aneinander gebunden, die aber nicht auf den Grund reichen.

Alsbald entschließt sich der mitanwesende Schäfer Georg Heinrich Pfleging, dem Unglücklichen zur Hülfe an einem Stricke sich hinab zu lassen. Die Leitern werden nun an einen quer über die Öffnung des Schachtes gelegten Baumstamme befestigt. Der Schäfer Pfleging steigt, mit einer brennenden Laterne, hinunter und überläßt sich, als er auf der letzten Sprosse angekommen ist, den um seinen Körper gewundenen Seilen, woran er durch die obenstehenden Menschen bis auf den Boden hinabgesenkt wird. Daselbst findet er den unglücklichen Bernhard Krebs zwischen einer Wand des Schachtes und zwei Stangen eingeklemmt liegen. Es gelingt ihm, die eine Stange abzubrechen, und da er die andere wegen ihrer Stärke nicht durchbrechen kann, den Halbtoten aus seiner Lage hinter derselben, mit wiederholt angestrengter Gewalt herauszureißen.

Nachdem er den Unglücklichen an einen von den Stricken festgebunden hatte, so ruft man ihm von oben zu, er solle sich nur erst selbst mittels eines anderen Seiles wieder heraufziehen lassen. Aus Besorgniß aber, daß Krebs es nicht so lange mehr in der Tiefe der Höhle aushalten möge und derselbe, wenn er nur an einem Seile hänge, davon leichter könne abgedrückt werden, als wenn er an beiden befestigt sei, verwirft Pfleging den Vorschlag und bindet auch das andere Seil an den Verunglückten fest, worauf dieser – indem der Zimmermann Ludwig Iske, ebenfalls mit Lebensgefahr, sich über den Abgrund setzt und die Seile leitet- hervorgezogen wird. Man fand ihn kaum noch atmend, er vernahm nicht mehr die Wehklagen seines neben ihm knieenden Vaters und bald darauf war er verschieden.

Dieser Vorfall wird wegen des edelmüthigen Benehmens des Schäfers Georg Heinrich Pfleging und des Zimmermanns Ludwig Iske mit dem weiteren Bemerken hierdurch öffentlich bekannt gemacht, daß beiden von Kurfürstlicher Ober-Rentkammer eine Belohnung verwiegt worden ist.
Cassel, am 15. September 1821.
Kurfürstliche Hessische Regierung, erster Senat.“

Kirchenbucheintrag

Im Kirchenbuch von Heckershausen steht über den Tod des Schäfers Bernhard Krebs folgender Eintrag:
„Begraben 1821, Aug. 3.: Bernhard Krebs, Schäfer, des Schäfers Johann Henrich Krebs ehelicher Sohn. Er wurde beinahe 2 Tage vermißt. Am 1. ds. Mts. hörte jemand ein Stöhnen und Ächzen aus dem noch jetzt 86 Fuß tiefen und 4 Fuß breiten Schacht auf der Höhe des Fernskopfes hallen. Es war die Stimme des noch lebenden Vermißten, der wahrscheinlich in dieser Tiefe sein Grab gesucht hatte. Der Schäfer Pfleging ließ sich an 2 Balken seilen und in den Abgrund hinab und so wurde der Verunglückte hinaufgezogen, der zwar noch lebte, aber nach 17? Stunde, um 8 Uhr abends, starb. Nach geschehener gerichtlicher Untersuchung wurde er heute ganz in der Stille unweit der Kirchhofsmauer beerdigt. Er war 21 Jahre 8 Monate 28 Tage alt.“

Die angegebene Tiefe des Schachtes von 86 Fuß entspricht einer Tiefe von etwa 25 Meter. Zeitungsbericht und Kirchenbucheintrag wurden vom unermüdlichen Harleshäuser Stadtteilhistoriker August Bitter in alten Archiven ausgegraben und 1985 im Ossen-Heft Nr. 87 veröffentlicht. Er schrieb dazu noch Folgendes:
„Die unweit Harleshausen 319 m aus dem Wald sich erhebende zweigipflige Firnskuppe, in deren Basaltfelsen sich eine Höhle mit einem senkrechten Schacht unbekannten Ursprungs befindet, birgt so manches Geheimnis. Dazu gehört der in der südwestlichen Ecke des überwölbten Raumes in den Felsen eingehauene Vermerk „Anno 1643“ mit dem darunter befindlichen Datum, welches nicht mehr zu entziffern ist. Wenig Nachrichten aus der Vergangenheit sind über die Firnskuppe auf uns gekommen. Der Wanderer, der von der Höhe der Firnskuppe – damals Fernskopf genannt – den Blick über junges Buchengrün zum Herkules, den Baunsbergen, dem Heiligenberg und zur Dörnbergs-gruppe genießt, ahnt nichts von den mannigfachen Geschehnissen, die sich hier im Laufe der Jahrhunderte abspielten.“

Siehe auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Firnskuppe